Kindheit im Krieg

Vor 80 Jahren gehörte es in der Hennersdorfer Schule vor Unterrichtsbeginn dazu, den Frontverlauf auf einer Landkarte im Klassenraum zu markieren. Lore Ullmann erinnert sich an den Kriegsbeginn.

Hennersdorf.

An den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren kann sich Lore Ullmann nicht präzise erinnern. "Ich war ja erst acht Jahre alt und habe es anfangs nicht so mitbekommen", so die 88-Jährige. An die regelmäßigen Markierungen der Frontverläufe hat sie aber Erinnerungen. "Irgendwann sind unsere Lehrer eingezogen worden. Dann gab es lange Zeit keinen richtigen Unterricht. Ich kann mich auch gut an Herrn Thiemer erinnern. Er war ein guter Lehrer. Leider ist er im Krieg gefallen", sagt sie.

Ihr Schulweg war nicht weit. Gleich gegenüber der Schule in Hennersdorf wohnte sie mit ihrer Familie im sogenannten Rittergut. "Meine Mutter hat mir oft das Pausenbrot an den Zaun gebracht. Wenn Fliegeralarm war, sind die Kinder aus der Schule zu uns in den Keller geflüchtet, weil es dort keinen gab", sagt sie. Ihr Vater hatte vom Fuhrwagen die breiten Seitenbretter heruntergenommen und auf die im Keller eingelagerten Kartoffeln gelegt, damit alle Kinder Platz zum Sitzen hatten. "Irgendwann hat man unsere beiden Pferde weggenommen. Ich sehe noch meine Eltern, wie sie vor der Haustür stehen, als die Pferde geholt wurden. Sie haben geweint", so Ullmann. Der Familie, die eine Menge Flächen zu versorgen hatte, blieben zwei Ochsen. "Nach einiger Zeit bekamen wir nacheinander zwei andere kriegsversehrte Pferde zugeteilt. Sobald Fliegeralarm war und die Glocken der Schule läuteten, sind die Pferde von der Koppel ausgebüxt und zu uns auf den Hof an den Trog gekommen. Sie waren schrecklich ängstlich."

Sehr schmerzlich ist ihre Erinnerung an den sechs Jahre älteren Bruder, der hatte den Hof übernehmen sollen. "Er hatte Urlaub vom Arbeitsdienst und war zu Hause. Dann kam ein Telegramm aus Flöha. Es war Invasion in Frankreich, mein Bruder wurde eingezogen. Mein Vater hat ihn ganz fest im Arm gehalten und so sehr geweint. Ich wusste nicht, warum. Ich war viel zu jung, um alles zu begreifen", sagt sie. Der Bruder ging und kam nie wieder. "Meine Eltern haben jahrelang über das Rote Kreuz und über alle möglichen Wege versucht, etwas über seinen Verbleib herauszufinden. Leider ohne Erfolg. Er galt als vermisst. Seine beiden besten Freunde sind ebenfalls im Krieg gefallen."

Ans letzte Kriegsjahr erinnert sich die damals 14-Jährige genau. Über Hennersdorf sind Tiefflieger geflogen. Sie seien dicht über das Feld gekreist und hätten Leute gesucht, um sie zu erschießen. "Ich war allein zu Hause. Meine Nachbarin kam in die Küche und sagte mir, dass ich jetzt tapfer sein müsste. Man hätte meine Eltern, meine Schwester und unser langjähriges Dienstmädchen erschossen". Zum Glück war es nicht so. "Meine Familie war auf dem Feld und wollte dort Mist breitmachen. Als die Flieger kamen, hat mein Vater allen zugerufen, dass sie sich sofort nah an die Misthaufen drücken sollten, um sich zu verstecken. Als sie zurück kamen, haben alle fürchterlich gestunken, aber waren am Leben", sagt Ullmann. Drei Männer auf einer Draisine an der Hennersdorfer Bahn wurden von Tieffliegern erschossen.

Ein anderes Mal war ein Flieger während der Schulzeit an der Kuppe Richtung Erdmannsdorf abgestürzt. "Die Jungen haben uns Mädchen überredet, schnell mit dorthinzugehen, weil wir neugierig waren. Als Strafe mussten wir nachsitzen."

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