Kleine Gärten - größer als der Vatikan

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Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Die Vermessung von Paradiesen und eine Ortsbestimmung.

Die Behauptung, die Kleingärtner in der Freiberger Anlage "Waldfrieden" hätten wohl eine Meise, ist gewaltig untertrieben. Die Mannen und Frauen um Vereinschef Sven Halfter haben auf und zwischen ihren Laubenlandparzellen noch viel mehr Vögel. Je nach Vorlieben der gefiederten Gäste haben sie Nistkästen an den Strommasten befestigt - für Höhlenbrüter wie besagte Meise oder Halbhöhlenbrüter wie etwa die Amsel. Darüber hinaus gibt es an der Brückenstraße noch weitere Flugwesen-Unterkünfte. Zum Beispiel einen Bienengarten und gleich mehrere Insektenhotels.

Eine Preisfrage mit Erkenntnisgewinn: Welche Kleingartenanlage ist die schönste im Land? Der Spiegel kann das wohl nicht beantworten, dafür aber die "Freie Presse". Es ist der "Waldfrieden" in Freiberg. Das hat der Landesverband Sachsen der Kleingärtner festgestellt. Die Gartenfreunde und Gründäumelinchen in den 154 Parzellen hätten beim Landeswettbewerb "Gärten in der Stadt" unter dem Motto "Kleingärten: Stadtgrün trifft Ernteglück" nicht nur mit ihrer guten kleingärtnerischen Nutzung des 4,3 Hektar großen Pachtlandes überzeugt, heißt es auf der Internetseite des Dachverbands. Auch die Ausstrahlung in die Umgebung habe die Jury beeindruckt.

Die Pachtfläche der 117 Vereine im Regionalverband summiert sich auf rund 1,7 Quadratkilometer. Statt der beliebten Umrechnung in rund 236 Fußballfelder hier mal ein höherer Vergleich: Die knapp 5000 Mitglieder bewirtschaften eine Fläche, die vier mal so groß ist wie die Vatikanstadt. Für Kenner ist das wenig verblüffend. Schließlich bezeichnen viele Kleingärtner ihre grüne Oase als das Paradies.

Freie Plätze gibt es sowohl im Garten Eden als auch in den Gärten auf Erden. Für Erstere werden sie verheißen, für Letztere gezählt. Die Leerstandsquote bei den 5370 Parzellen hat laut Bianka Gothe zu Jahresbeginn bei reichlich 6 Prozent gelegen. Konkret hatten 330 Schollen keinen Schöller. Am stärksten betroffen war der Statistik zufolge der ländliche Raum. So wurden für die 18-gärtige "Goldene Höhe" in Rechenberg 7 freie Plätze ausgewiesen und bei den 76 Lauben in der "Morgensonne" in Oederan fehlten 25 Pieper.

Der Wert eines Paradieses im Regionalverband kann ziemlich genau bestimmt werden. Dafür sind 33 Gartenfreunde speziell geschult worden. Und wie man ihn noch steigern kann, wissen die 83 Gartenfachberater im Verband. Sie geben Tipps zur Beetanlage und können auch sagen, wie man bei Bäumen und Sträuchern einen guten Schnitt machen kann.

Die Praxis sei das Kriterium der Wahrheit, hat mal ein berühmter Mann gesagt. Der war zwar Russe und hieß Lenin, aber er könnte ja trotzdem Recht gehabt haben. Bei den Kleingärten ist es dann jedenfalls noch Verhandlungssache, welchen Preis der neue Pächter dem alten für Laube, Pflanzen & Co. zahlen will und kann. Bei der "Miete" für den Platz im Paradies gibt es bundeskleingartengesetzliche Regelungen. Der Pachtzins zwischen Niederwiesa und der Grenze zur tschechischen Republik beträgt nach Verbandsangaben im Schnitt 8,2 Cent pro Quadratmeter und Jahr.

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass einige Even und Adämer ihr Paradies nicht wertschätzen und die Pacht, Betriebskosten oder Vereinsbeiträge schuldig bleiben. Zu Jahresbeginn war der Regionalverband mit 94 Mahnverfahren und 19 Räumungsklagen sowie mehreren Rechtsstreitigkeiten außerhalb gerichtlicher Verfahren befasst. Im vergangenen Jahr konnten demnach 15 Mahnverfahren abgeschlossen werden. Dabei seien insgesamt rund 2875 Euro an die betroffenen Vereine zurückgezahlt worden. Allerdings habe es auch 6 Aus-Fälle gegeben; die Verfahren seien wegen dauerhafter Zahlungsunfähigkeit der Schuldner beziehungsweise mangels Aussicht auf Erfolg eingestellt worden.

Ein Lied davon kann man auch im Freiberger Waldfrieden singen. "In den vergangenen drei Jahren haben wir fünf Parzellen zwangsräumen müssen", hatte Vereinschef Sven Halfter jüngst konstatiert. Das sei das letzte Mittel, wenn keine Pacht gezahlt oder der Garten nur für Partys oder als Lagerplatz genutzt werde und verwildere. Gelegentlich gelangt statt Blumen gar ein Messie-Syndrom zur Blüte: "In einem Fall haben wir 18 Kubikmeter Müll entsorgt."

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