Lehren aus einer vergangenen Welt

Vor 69 Jahren haben sie ihren Abschluss gemacht, noch heute treffen sich die Schüler der Volksschule Eppendorf zum Klassentreffen. Im Leben haben sie Lektionen gelernt, die auch für jüngere Leute wichtig sind.

Eppendorf.

Sie hat Tradition, die jährliche Runde der Abschlussklasse 1950 von Eppendorf. Jahr für Jahr treffen sich die ehemaligen Schüler, erinnern sich an die gemeinsame Zeit und an eine Welt, die nicht mehr existiert: Im Jahr 1950 war die DDR erst frisch gegründet, Vertriebene aus dem Osten kamen nach Eppendorf. Fernseher in Wohnzimmern gab es ebenso wenig wie prall gefüllte Supermarktregale. Die "Freie Presse" hat mit Sigrid Söding (84) gesprochen, die das Klassentreffen organisiert hat. Das Gespräch wurde zu einer Unterhaltung über Lebenslehren, das Vergessen und die kleinen Freuden des Lebens.

Freie Presse: Was haben Sie im Leben gelernt, das man in der Schule nicht erfährt?

Sigrid Söding: Das richtige Lernen beginnt erst nach dem Unterricht. Wir hatten einen großartigen Lehrer in der Schule, Roland Fischer hieß der. Von ihm haben wir Englisch gelernt, Deutsch, Mathematik und auch Stenografie ... Das war eine gute Vorbereitung für das Berufsleben. Doch Werte wie Liebe, Freundschaft oder Familie - das lernt man vor allem außerhalb der Schule, über die Lebensjahre hinweg. Das galt im Jahr 1950 genauso wie heute.

Was sollten wir wieder lernen, was früher normal war?

Ich glaube, dass kaum ein Mensch noch weiß, wie die Welt um uns herum funktioniert. Diese Erfahrung machen auch viele meiner Klassenkameraden. Das liegt daran, dass die Technik heute viel komplexer ist, als sie es 1950 noch war. Ein Radio kann man vielleicht noch verstehen, bei einem Fernseher wird es schon schwieriger, von einem Smartphone ganz zu schweigen. Aber erst mit einem Grundverständnis für die Welt können wir entscheiden, ob sie sich in die richtige Richtung entwickelt. Daher ist meine Devise: Die Älteren sollten von den Jungen lernen und auch umgekehrt.

Was sollten die Jüngeren nie aufgeben?

Den Respekt vor den Personen, die die Gesellschaft am Laufen halten: Polizeibeamte verdienen genauso viel Respekt wie Feuerwehrmänner, Busfahrer oder der Bäcker, der die Brötchen verkauft. Besonders den Lehrern sollte man dankbar sein, immerhin bereiten sie uns auf das Berufsleben vor. Das ist wichtig.

Was ist der größte Unterschied zwischen 1950 und heute?

Heute ist alles im Überfluss da. Wir sind damals unter ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Der Krieg und seine Folgen sind so etwas Schlimmes, das können sich heutige Generationen nicht mehr vorstellen. Besonders die Vertriebenen aus den Ostgebieten hatten es schwer. Sie sind nach dem Krieg zu uns gekommen, hatten oft ihre Väter verloren und andere Familienmitglieder. Viele Mütter mussten ihre Kinder alleine großziehen. Das war eine schwere Zeit.

Was aus der Geschichte darf sich nicht wiederholen?

Niemand sollte solche Entbehrungen erleben müssen. Selbst diejenigen, denen es besser ging, hatten wenig. Wir konnten uns keine Schulbücher leisten, gelernt haben wir bei Kerzenschein - wenn es denn Kerzen gab. Man hatte meist nur ein einziges Paar Schuhe - wenn überhaupt. Dass sich das nicht wiederholt, daran sollten wir alle arbeiten.

Was war denn 1950 schöner als heute?

Es gab einen ungeheuren Zusammenhalt zwischen den Leuten, den ich heute manchmal vermisse. Auch die Freude über kleine Dinge des Lebens war damals sehr groß. In der großen Pause der Schule ist zum Beispiel immer der Bäcker aus Eppendorf gekommen und hat seine dunklen Brötchen gebracht. Das war jedes Mal ein kleines Fest. Auch über die Mehlsuppe, die es zum Mittagessen gab, haben wir uns immer riesig gefreut.

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