Leser helfen: "Komplette Heilung ist die Ausnahme"

Der Neurologe Jens Tröger erklärt Ursachen und Heilungsaussichten für Angela Graichen, die einen Rückenmarkinfarkt erlitt

Claußnitz.

Mit einem speziellen Auto will die "Freie Presse" dank der Aktion "Leser helfen" den Alltag von Angela Graichen aus Claußnitz erleichtern. Sie ist als Folge eines Rückenmarkinfarkts, medizinisch ischämische Myelopathie genannt, gelähmt. Fragen zur Krankheit beantwortet Jens Tröger, Facharzt für Neurologie, im Gespräch mit Babette Philipp.

Freie Presse: Was ist eine ischämische Myelopathie?

Jens Tröger: Es handelt sich um eine Erkrankung des Rückenmarks durch gestörte Blutzufuhr. Ähnlich wie bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt.

Was passiert dabei im Körper?

Der Infarkt entsteht durch den Verlust oder die zu starke Drosselung der Blutzufuhr durch die zuleitenden Arterien. Dabei kommt es zu einer Funktionsstörung und gegebenenfalls zum Absterben des betroffenen Nervengewebes mit anschließender Ausbildung einer Narbe.

Gibt es Auslöser, Faktoren, Vorerkrankungen, die dazu führen können?

Ursachen sind etwa Verschlüsse oder Krankheiten der Gefäße, zum Beispiel ein Einriss der hinteren Halsarterien. Auch Blutgerinnsel, Bandscheibenvorfälle, Wirbelsäulenverletzungen oder anhaltend starker Blutdruckabfall können die Blutversorgung des Rückenmarks beeinträchtigen.

Durch welche Symptome äußert sich der Rückenmarkinfarkt?

Die Beschwerden zeigen oft eine langsame, nicht schlagartige Entwicklung in bis zu maximal vier Stunden. Häufig beginnt es mit einem gürtelförmigen Schmerz mit nachfolgender, zunächst schlaffer, später spastischer Lähmung vor allem der Beine, meist begleitet von Gefühlsstörungen, vorwiegend der unteren Körperhälfte. Es entsteht ein unterschiedlich ausgeprägtes Querschnittssyndrom, das bei Beteiligung der Halsrückenmarks auch die Arme betrifft.

Welche Folgen hat das?

Je nach Schädigung im Rückenmark leiden sie unter Lähmung der Beine, gegebenenfalls auch Arme. Die Fähigkeit, zu stehen und zu gehen ist oft bleibend schwer beeinträchtigt bis nicht mehr vorhanden. Etwa die Hälfte der Patienten ist danach auf Rollstuhl und Hilfe angewiesen. Nur etwa ein Drittel wird wieder selbstständig und ohne Hilfe gehfähig.

Gibt es Heilung?

Wie bei anderen Infarkten bleibt, wenn man das Akutstadium überstanden hat, das Ausmaß der Störung meist nicht ganz so ausgeprägt wie zu Beginn. Komplette Heilung ist aber die Ausnahme.

Was kann durch welche Therapien maximal erreicht werden?

Vor allem intensive Physiotherapie trägt dazu bei, Restfunktionen zu fördern, eventuell wieder gehen zu können, Verkrampfungen in der Muskulatur zu lindern und Einschränkungen in der Gelenkbeweglichkeit vorzubeugen. Auch Ergotherapie ist in vielen Fällen hilfreich, um vor allem die Selbstversorgung im Alltag zu verbessern. Medikamente spielen bei der Behandlung der Spastik eine Rolle.

Bei Frau Graichen liegt eine solche spastische Lähmung vor. Was versteht man darunter?

Im Gegensatz zu einer schlaffen Lähmung ist eine spastische die Kombination aus Verlust der willkürlichen Bewegungsmöglichkeit und einer reflektorisch überschießenden, nicht steuerbaren Muskelanspannung. Das macht sich in einer Steifheit der Gliedmaßen mit einer Neigung zu Verkrampfung und Schmerzen bemerkbar. Bei einschießender Spastik entstehen oft unwillkürliche Streck- oder Beugebewegungen und -haltungen.

Kann man einem Rückenmarkinfarkt vorbeugen?

Da es sich um eine gefäßbedingte Erkrankung handelt, kann man zumindest einem Teil der Ursachen vorbeugen, indem man etwas für seine Gefäßgesundheit tut - sich gesund ernährt, viel bewegt, auf seinen Blutdruck achtet und seine Stoffwechselwerte kontrollieren lässt. Eine direkte Vorbeugung ist nicht möglich. Infarkte des Rückenmarks sind jedoch eine eher seltene Erkrankung. (bp)

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