Lost Places: Szenerie wie in einer Zeitkapsel

Mein Flöha: Architekturfotograf Christian Sünderwald fand in der Buntpapierfabrik einen Lost Place

Flöha.

Die Tür wird geöffnet, plötzlich ist der Blick frei - frei auf die Vergangenheit. Für Christian Sünderwald ist die verwaiste Buntpapierfabrik das dritte Objekt, das er in Flöha fotografierte. Über Motivation und Motive sprach Katrin Kablau mit dem Chemnitzer.

Freie Presse: Lost Places - sinngemäß übersetzt, verlassene und vergessene Orte - zu entdecken und fotografieren, ist doch eine moderne Art der Trophäenjagd: Man möchte der Erste an diesem Ort sein und möglichst lange der Einzige. Sie sagen, Ihre Motivation sei eine andere. Inwiefern?

Christian Sünderwald: Bei mir steht die Architektur als Motiv im Vordergrund. Ich möchte die Geometrie, Struktur und Charakteristik erfassen, wie sie einst der Architekt des Gebäudes ersann: Lost Places sind dafür wie geschaffen. Denn sie präsentieren sich in aller Regel ohne Interieur. Deshalb ist es mir nicht wichtig, unbedingt der Erste zu sein mit der Veröffentlichung von Fotos eines Objektes. Gern überlasse ich den Lost-Place-Jägern mit dokumentarischem Anspruch den Vortritt.

... ist das auch der Grund, warum Sie verlassene Fabriken, Schlösser oder Badeanstalten schwarz-weiß fotografieren?

Sünderwald:Ja, ausschließlich schwarz-weiß. In der Architekturfotografie halte ich Farbe für doch sehr entbehrlich. Das optische Spannungsfeld zwischen Licht und Schatten, das sich in den leeren Räumen und ihrer Struktur abzeichnet, kommt so besser zur Geltung.

Die Buntpapierfabrik. Wie war dort Ihr erster Eindruck?

Sünderwald: Auf den allerersten Blick war ich enttäuscht. Überall noch Produktionsreste und Papierrollen, Maschinenteile und Werkbänke, was der Architektur quasi im Weg stand. Doch gerade in der Fotografie lohnt sich der zweite Blick, dieser erschloss mir eine Fülle toller Motive. Es hat dort den Anschein, dass die Arbeiter gerade alle eilig ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Manche Räume hat jahrelang niemand mehr betreten. Eine Szenerie wie in einer Zeitkapsel.

"Papier ist der Parkplatz des Gedankens." So überschrieben Sie die Bilder aus Flöha im sozialen Netzwerk Facebook. Schon kurz nach deren Veröffentlichung tauchte in den Kommentaren die Frage auf, weshalb Sie niemals schreiben, wo sich der Lost Place befindet. Aber sie zeigen Außenaufnahmen. Ein Widerspruch?

Sünderwald:Vielleicht ein wenig - gebe ich zu. Auch wenn ich die Gefahr des Vandalismus durch eine konkrete Ortsangabe für eher theoretisch halte: Keiner betreibt den Aufwand, bei Facebook nach Lost Places zu recherchieren und dann mit dem Auto kilometerweit zu fahren, um eine Scheibe einzuwerfen. So will ich doch auch diesem weitgehend theoretischen Risiko dennoch vorbeugen. Außerdem möchte ich, dass meine Fotografien solitär, also für sich wirken.

Sie haben in Flöha noch andere Lost Places fotografiert?

Sünderwald: Richtig. Zum einen die Uhle-Villa und die Grundschule - beides hat mir dankenswerterweise die Stadtverwaltung ermöglicht.

Wird Ihnen auch manchmal ein Zugang verwehrt?

Sünderwald: Selten. Ich biete immer einen Deal an: Ich darf in die gut gesicherten Gebäude, dafür fertige ich eine umfassende Fotodokumentation für den Eigentümer an.

Gibt es ein Objekt, das Sie besonders beeindruckte?

Sünderwald: Das eine, alles überragende Objekt gibt es nicht. Eine verlassene Kinderheilstätte im Harz, die ich vor Jahren fotografiert habe, kann ich aber absolut hervorheben. Ein außergewöhnlich seltenes Objekt - im Bauhausstil, mitten im Wald. Großartig! In Hannover durfte ich die alte Hauptverwaltung eines Versicherungskonzerns vor die Kamera nehmen. Das war eine recht seltene Gelegenheit, denn ein leergezogenes Gebäude dieser Art aus den frühen 70ern wird doch schnell abgerissen. Die fast sterile Symme-trie und die breiten Lichthöfe - das war für mich ein großer Fototermin.

Es gibt schon zwei Bildbände mit Ihren Aufnahmen - der jüngste erschien vor wenigen Tagen ...

Sünderwald: Der Bildband eines befreundeten Fotografen aus Halle war dafür der Ausgangspunkt. Neben dem Absatzerfolg des ersten Buches will ich nicht verschweigen, dass besonders das erste eigene Buch eine große Einzahlung aufs Egokonto ist.

Bewertung des Artikels: Ø 2.7 Sterne bei 3 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...