Mit 75 eine volle Arbeitswoche

Als 20-Jähriger hat Jürgen Löschner 1965 die Firma übernommen, die einst sein Großvater in Neuhausen gegründet hatte. Heute ist er selbst 75 und der Betrieb 120 Jahre alt. Es gibt eine Menge zu erzählen.

Neuhausen.

Früh gegen 7 Uhr geht Jürgen Löschner in seine kleine Werkstatt. Tag für Tag. Eine Stunde später als all die Jahre zuvor. "Ich wollte nun doch etwas kürzer treten", sagt der Inhaber eines Maschinenbaubetriebes. Vor wenigen Tagen hat er seinen 75. Geburtstag gefeiert. Den kleinen Betrieb führt Jürgen Löschner trotz seines Alters weiter - in dritter Generation. Er, ein Teilzeitbeschäftigter und ein Lehrling leisten Zuarbeit für eine Stahlbaufirma in der Region. Sohn Uwe, gerade 49 geworden, ebenfalls Maschinenbauer und Leiter des Nussknackermuseums im Ort, hilft ab und an mit aus.

Ein Blick zurück: Als Jürgen Löschner als 20-Jähriger 1965 den Betrieb übernehmen musste, weil sein Vater kurz zuvor verstorben war, brach er sein Maschinenbau-Studium im damaligen Karl-Marx-Stadt ab und begann einen Meisterlehrgang. Zwei Jahre später legte er die Meisterprüfung ab. "Mir fehlte jegliche Erfahrung, um einen Betrieb zu führen, aber das Praktische hatte ich mir bereits als Zwölfjähriger bei meinem Vater abgeschaut", erinnert sich Jürgen Löschner. Nach der Schule, an Sonnabenden oder Sonntagen ging er ihm in der Werkstatt mit zur Hand.

Schnell gerät er ins Schwärmen. "Mit zwei Altgesellen habe ich damals Holzbearbeitungsmaschinen aller Art hergestellt." Er zählt Dreiseitenfräsmaschinen, Dübelautomaten und Abrichthobelmaschinen auf, mit denen wohl nur Experten etwas anfangen können. "Die Maschinen sind uns förmlich aus den Händen gerissen worden und es gab lange Wartelisten", erzählt Jürgen Löschner. Zusätzlich flatterten von Firmen, die in der damaligen DDR für den Export arbeiteten, Sonderaufträge ins Haus. "Die galt es, zügig zu erledigen." Bis vor 50 Jahren arbeiteten die Beschäftigten noch an Maschinen mit Transmissionsantrieb. Jürgen Löschner stellte den Maschinenpark auf moderne, zeitgemäße Maschinen um. Inzwischen beschäftigte er zwölf Mitarbeiter.

Die zu DDR-Zeiten allseits bekannten Materialprobleme kannte der Neuhausener nicht. Seine Leidenschaft für Nussknacker und Räuchermänner kam ihm dabei zugute. Die kaufte er in den 1960er- und 70er-Jahren von seinen Kunden zahlreich ab. Und so konnte er durchaus ein paar mit nach Karl-Marx-Stadt zum Maschinenbauhandel nehmen.

Nachwuchs für seinen Betrieb bildete Jürgen Löschner selber aus. Jedes Jahr nahm er zwei Lehrlinge auf und das über zwei Jahrzehnte. Nicht zuletzt deshalb berief man ihn zum Prüfungsobermeister im damaligen Kreis Marienberg. Viele der jungen Leute blieben nach ihrer Lehrzeit im Betrieb und so hatte er immer genügend Arbeitskräfte zur Verfügung.

Zu den Löschnerschen Lehrlingen gehörte Tilo Fröse. Der Neuhausener war nach seiner Lehre noch sechs Jahre in der Firma tätig. "Ich habe bei Jürgen Löschner eine solide Grundausbildung bekommen. Auch dank dieser kann ich heute selbst einen Betrieb leiten", erzählt er. Sein Ausbilder sei stets eine Respektsperson für ihn gewesen. "Jürgen achtete auf die Einhaltung der Arbeitszeiten, war früh der erste und abends der letzte im Betrieb und war in jeder Hinsicht Vorbild für mich", sagt der heute 55-Jährige über seinen ehemaligen Chef.

Zurück zu Jürgen Löschner: Zur Wende 1989/90 musste sein Betrieb förmlich über Nacht jede Menge Stornierungen verkraften. "Wie so viele Geschäftsleute in der Region wussten wir damals nicht, wie es weitergeht", erinnert er sich. Ein Geschäftsmann aus Bad Tölz, der zufällig in Neuhausen weilte, konnte der Firma Aufträge vermitteln. Mehr als zehn Jahre hatten seine Beschäftigten damit gut zu tun. "Das hat den Betrieb wieder in die Spur und in die richtige Richtung gebracht", erzählt Jürgen Löschner.

Für die Neuhausener ist Jürgen Löschner nicht nur umtriebiger Geschäftsmann, sondern auch ein Macher im Ort. Er organisierte Wohngebietsfeste und Arbeitseinsätze. Nach der Wende wurde er in den Gemeinderat gewählt und war 22 Jahre als stellvertretender Bürgermeister ehrenamtlich aktiv. "Wenn ich zurückdenke, weiß ich, dass ich fast alles richtig gemacht habe", sagt er mit zufriedenem Blick. "Ich brauchte meine Firma, um kreativ und frei zu sein, sagt der immer noch rührige Geschäftsmann und betont: "Ohne meine Frau Gabi, die mir schon jahrzehntelang im Büro zur Seite steht und seit 50 Jahren den Rücken freihält, könnte ich jetzt nicht dieses Jubiläum feiern."

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