Neue Mode: Sommerkleid statt Ba-Rock

In unserer Region mit den vielen schönen Schlössern ist immer etwas los. So auch im März. Ein Rückblick.

Sie sind wieder da. Menschen wie du und ich. Alltagsmenschen. Sie sitzen und stehen im Schlosspark Lichtenwalde und gucken in die Landschaft. Die einen in Badehose, die anderen im Sommerkleid. Einen Ba-Rock hat keine der Damen an - dabei stehen sie doch alle vor einem Barockschloss. Skandal! Findet auch der eine oder andere Künstler, der sich seinen kreativen Kopf zerbrach, als vor vier Jahren erstmals ähnliche Gestalten rund um das Schloss auftauchten. Zu billig, zu primitiv seien die Skulpturen, welche Künstlerin Christel Lechner schuf. Mit Kunst habe das nichts zu tun.

Dabei sagt die Künstlerin selbst, dass ein Tag im Park mit ihren Figuren sogar für "den einen oder anderen Denkanstoß über das Leben" sorgen könne. Kunst zum Grübeln also. Und dann auch noch als Gemeinschaftserlebnis. Besser geht es doch gar nicht. Man stelle sich nur vor, wie die Großfamilie durch den Park schlendert und die Enkelin frohgemut auf das Abbild einer doch recht dicken Frau zusteuert, um dann auf Oma zu zeigen und die wunderbar zum Nachdenken anregenden Worte spricht: "Die sieht ja aus wie du!" Wenn Oma danach mittels Diät etliche Kilogramm verliert, damit sie die Gelenke und den Rücken schont, wodurch sie ein langes und glückliches Leben führt, hat die Kunst doch mehr erreicht, als ihr so mancher zugetraut hätte.


Aber auch für Heiterkeit sollen die mehr als 70 Figuren im Schlosspark Lichtenwalde sorgen - so heißt es in der offiziellen Pressemitteilung der Schlossbetriebe. Heiterkeit - dieses wunderbare Wort, das mit dem Tod des brillanten Loriot schon auszusterben drohte, wird durch dicke Männer in Badehosen wieder in den Sprachgebrauch befördert. Herrlich. Was Kunst doch alles schafft.

In der Pressemitteilung zu den "Alltagsmenschen" ist des Weiteren von 3900 Stiefmütterchen, die nun im Schlosspark zu bewundern sind, die Rede. Vielleicht war das ja die Ursache für den Protest gestandener Künstler an der neuen Ausstellung. Ein paar Figuren - ja, das machen wir mal noch mit. Aber gleich fast 4000 Plastiken von keifenden Weibern? Das ist zu viel des Guten! Aber keine Sorge - bei diesen Stiefmütterchen handelt es sich um die Blumen im Park. Diese runden die Schau mit den runden Menschen nämlich ab, heißt es. Dazu kommen 1200 Bellis. Hier handelt es sich nicht um kleine Hunde, sondern um Gänseblümchen - sagt Wikipedia. 380 Vergissmeinnicht und 200 Stück Goldlack, dazu Narzissen und Tulpen - all das ist ab sofort zu sehen im Schlosspark Lichtenwalde. Und die Dicken natürlich.

Dass das Konzept mit der Kunst zum Anfassen (O-Ton Künstlerin: "Aber mit Respekt bitte") aufgeht, haben die Alltagsmenschen vor vier Jahren bewiesen, als sie (damals noch anders gekleidet) schon einmal den Park ums Schloss Lichtenwalde besiedelt haben. Tausende Besucher kamen und wollten sich mit ihnen fotografieren lassen. Und haben dadurch gleich einmal das Schloss in Lichtenwalde mit seiner Architekturkunst kennengelernt. Ob sie wollten oder nicht.

Und was lernen wir daraus? Dass echte Kunst und die, welche von echten Künstlern nicht für echte Kunst gehalten wird, durchaus voneinander profitieren können. Man sollte sich auch anderswo ein Beispiel daran nehmen, um mehr Besucher anzulocken. Im Klein-Erzgebirge in Oederan zum Beispiel ist überall echte Handwerkskunst zu sehen. Echte Gebäude in Kleinformat mit kleinen Leuten, nennen wir sie Alltagsmenschen, davor. Mit einem Besucherrückgang hat der Miniaturpark dennoch zu kämpfen. Was dagegen ganz sicher helfen würde: Ein Stück so richtig echte Kunst an den Eingang hängen. Zum Beispiel das Gemälde mit dem Titel "Suprematist Composition" von Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch. Das zeigt zwar nur geometrische Figuren, muss aber gut sein. Ist nämlich mehr als 80 Millionen Dollar wert. Sagt Wikipedia. Apropos Wikipedia. Das Internet-Lexikon war im März für einen Tag nicht erreichbar. Diesen Tag zu überleben - das, Freunde, war echte Kunst.

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