Nicht zu retten: Lutherlinde ist Geschichte

Der historische Baum an der Schulbrücke in Falkenau ist am Freitag aus Sicherheitsgründen gefällt worden. Zum Glück haben die Falkenauer vor 136 Jahren vorausgedacht.

Falkenau.

Nach etwa 90 Minuten war die Falkenauer Lutherlinde verschwunden: So lange hat es am gestrigen Freitagmorgen gedauert, bis der hohe, historische Baum gefällt war. Mitarbeiter der damit beauftragten Baumpflegefirma hatten die Linde Stück für Stück abgesägt und direkt mit einem Greifer in einen Container verladen. Nun kündet nur noch die wenige Zentimeter über dem Boden abgesägte Wurzel davon, dass mehr als hundert Jahre ein Baum an der Stelle zwischen dem Mühlgraben der Flöha und der Ernst-Thälmann-Straße gewachsen ist. Über die langfristige Zukunft der beiden benachbarten Linden gibt es noch keine Klarheit.

Der Schattenspender der Bushaltestelle ist damit weg, aber ihre Bezeichnung "Falkenau Lutherlinde" wird diese dennoch behalten können: Das Schild, das an die Pflanzung zu Ehren Martin Luthers im Jahr 1883 erinnert, soll symbolisch am benachbarten Baum befestigt werden, teilt Simone Harnisch mit, in der Flöhaer Stadtverwaltung für Park- und Grünanlagen zuständig.


Die Wahl für die einst mittlere der drei Linden kommt nicht von ungefähr. Wie Karl-Heinz Hahn vom Falkenauer Heimatverein berichtet, ist diese Linde genauso alt wie die gefällte. "Damals wurden zur Sicherheit zwei Linden gepflanzt - falls eine nicht richtig einwächst", erzählt er. Das sei in der Ortschronik von 1938 festgehalten. Für Hahn hält sich der Verlust damit in Grenzen - die zweite Linde habe ja die gleiche Funktion. Er schlägt vor, zum nächsten runden Jubiläum von Falkenau einen neuen Baum zu pflanzen. Das wäre in neun Jahren - vor 641 Jahren wurde "Valkenow" erstmals urkundlich erwähnt.

1883 wurden in Sachsen viele Linden zu Ehren des 400. Geburtstags des Reformators gepflanzt. In Zwönitz im Erzgebirge steht eine Linde bereits seit Luthers 100. Geburtstag - seit 436 Jahren. In Falkenau hat die Lutherlinde 135 Jahre lang eine kleine Rolle in der Geschichte des Ortes gespielt. Ihre Pflanzung - und die des Nachbarbaumes - wurden damals feierlich begangen, so hält es die Chronik fest. Ortsvorsteher Martin Müller hat darin gelesen, dass die beiden Linden am 11. November auf dem damaligen Schulplatz eingesetzt wurden, nachdem eine Flasche mit Urkunden im Boden versenkt worden war. Am Luthertag, dem 10. November, hatten Schulkinder und Vereine einen Fackelumzug durch den Ort veranstaltet.

Der Ortschaftsrat, so Müller, war zunächst nicht von der Fällung des alten Baumes begeistert. Ein entsprechender Beschlussvorschlag war im Mai abgelehnt worden. Doch ein zweiter Vor-Ort-Termin im Juni mit Vertretern der Stadtverwaltung, des Ortschaftsrates und einem Gutachter habe Klarheit gebracht. "Sie hatte nur noch kleine Blätter und ging sachte kaputt", berichtet Müller von dem Treffen. Er hatte sich bereits zuvor für eine Fällung aus Sicherheitsgründen ausgesprochen: "Wir können es uns nicht leisten, dass erst was passiert, bevor wir tätig werden", erklärt der Ortsvorsteher.

"Der Baum war leider nicht mehr zu retten", sagt auch Simone Harnisch. Er habe keine Krone mehr ausgebildet. Untersuchungen haben ergeben, dass er zu mindestens 30 Prozent aus Totholz bestand, der Stamm von einem Pilz befallen und die Fäule ausgeprägt war. Weil zur Beseitigung der Hochwasserschäden Boden aufgeschüttet werden musste, habe man die Wurzeln nicht untersuchen können, so Harnisch. Nun soll getestet werden, ob die beiden anderen Linden noch verkehrssicher sind. Dazu werden Zugversuche durchgeführt.

Flöha lässt seine Bäume regelmäßig - belaubt und unbelaubt - begutachten, um etwa Totholz zu erkennen, bevor Äste herabfallen. Oft könnte die Stadt zu baumerhaltenden Maßnahmen greifen. Mitunter reiche eine Inaugenscheinnahme nicht. Einzelgutachten könne es aber nicht bei jedem der 2500 Bäume auf öffentlichem Grund geben - ein Schallgutachten, das den Zustand im Inneren untersucht, kostet 500 Euro pro Baum, so Harnisch.

Eine Entscheidung bei symbolträchtigen Bäumen wie diesem macht sich die Stadt nicht leicht. "Eine öffentliche Verwaltung hat jedoch, unter Abwägung aller Risiken und Konsequenzen, der Sicherheit und Gefahrenabwehr im öffentlichen Bereich Vorrang einzuräumen", sagt Oberbürgermeister Volker Holuscha. Der Platz solle aber seine Symbolik behalten.

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