Oberschule öffnet sich Seiteneinsteigern

Selbst 100 Seiten- und 330Quereinsteiger ohne reguläre Lehramtsausbildung reichten diese Saison nicht aus, um die Lehrerlücke in Sachsen zu füllen. Ein Blick in die Praxis.

Oederan.

Die ersten Wochen des neuen Schuljahres sind geschafft. Zeit, zwei der Seiteneinsteiger an der Oberschule Oederan nach ihren Erfahrungen im Lehrbetrieb zu fragen.

Dana Schweter ist keine klassische Seiteneinsteigerin. Dem Freistaat sind aber die sieben Jahre, die die 35-Jährige schon an freien Schulen Englisch lehrt, nicht genug für den staatlichen Lehrerdienst. "Daher ist der Job kein neuer für mich", sagt die Diplomübersetzerin für Englisch, Tschechisch und Deutsch, die berufsbegleitend noch eine zweijährige pädagogisch-didaktische Ausbildung absolviert hat. An der Oberschule in Oederan arbeitet sie seit Schuljahresbeginn als Lehrerin für Englisch und Ethik. "Für mich sind das hier nur neue Kollegen, neue Kinder und neue Lehrwerke." Schnell hat sich die junge Frau aus der Oberlausitz eingearbeitet. Und einen Lieblingsblick hat sie auch schon: Den aus der obersten Etage der Schule hin zur Augustusburg. "Das ist schon schön", sagt sie.

Silvio Bonk stammt aus einer ganz anderen Ecke. Er studierte Sportwissenschaft und kommt vom Sportbund Chemnitz. "In den letzten Jahren war ich in der Erwachsenenbildung tätig, aber auch für Kinder und Jugendliche", sagt der 40-Jährige. "Ich habe als Vereinsberater gearbeitet sowie in der Aus- und Fortbildung von Übungsleitern", erzählt Bonk, der von Haus aus Physiotherapeut ist. "Lehrer wollte ich schon vor Jahren werden. Aber damals wurde ich noch abgelehnt. Zum Glück ergab sich jetzt diese Möglichkeit", sagt der Chemnitzer. Für Oederan hat er sich aus dem Bauch heraus entschieden - auch, weil die Stadt dank ihrer modernen Sporthalle und des Bades einen optimalen Schulstandort darstellt. "Das sind Top-Rahmenbedingungen", lobt der Seiteneinsteiger, der als Lehrer für Sport, Technik und Computer tätig ist. Sport und die unter WTH bekannten Disziplinen Wirtschaft, Technik und Haushalt - das hält er für eine gute Fächerkombination. Schon jetzt ist klar, dass Silvio Bonk ab Winter 2019 ein Jahr lang berufsbegleitend eine schulpraktische Ausbildung absolvieren muss. Dazu kommen drei Jahre wissenschaftliche Ausbildung im zweiten Fach. Erst dann ist der Seiteneinsteiger zu 100 Prozent wissenschaftlich ausgebildeter Lehrer und hat sogar die - theoretische - Chance auf eine Verbeamtung. "Der Zugang zur Ausbildung ist jedoch begrenzt", sagt Dana Schweter. "Es bleibt die Frage: Dürfen wir das überhaupt machen?" Auch die Englischlehrerin muss noch die wissenschaftliche Lehre im zweiten Fach absolvieren.

Die Rahmenbedingungen bei der Ausbildung und bei der Anerkennung als Lehrer seien in Sachsen undurchsichtig und kompliziert, kritisieren die beiden. Zum Glück entschädigten der Schulstandort Oederan, die hilfreiche Schulleitung und die Kollegen. "Anfangs war wegen uns Neuen eine gewisse Spannung spürbar", sagt Dana Schweter. "Aber nun sind alle aufgetaut. Wir tauschen uns aus, reden über den Lehrermangel und die Verbeamtung in Sachsen. Das ist das Top-Thema. Die Kollegen kommen uns sehr entgegen. Ich fühle mich wohl hier."

Silvio Bonk stimmt ihr zu: "Der Seiteneinstieg ist für beide Seiten von Vorteil", meint er. "Wir lernen die Schüler näher kennen, lösen Fesseln. Je mehr wir mit den Kollegen ins Gespräch kommen, desto mehr werden wir akzeptiert." Dabei hilft den Neuen, dass sie nicht die ersten Seiteneinsteiger sind. Und wer weiß: Vielleicht helfen sie im nächsten Schuljahr weiteren Neulingen dabei, die Lehrerlücke zu stopfen.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...