"Ohne Glyphosat entsteht für uns ein Riesenproblem"

Regionalbauernverbands-Geschäftsführer Werner Bergelt: Flächendeckender Ökolandbau ist kein Zukunftsmodell

Marienberg.

In den vergangenen Jahren sind in der Region hohe Ertragszuwächse erzielt worden. Die Steigerungen seien angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums dringend nötig, sagt Werner Bergelt. Er ist Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Erzgebirge, der auch den südlichen Teil Mittelsachsens einschließt. Ohne Chemie auf den Feldern lasse sich der Zuwachs nicht aufrecht erhalten, betont der 56-Jährige im Gespräch mit Georg Müller.

"Freie Presse": Auf den Feldern der Region hat die Ernte des Wintergetreides wie der Wintergerste begonnen. Wie ist angesichts der Trockenheit Ihr Eindruck: Wird es ein gutes oder ein eher schlechtes Jahr?

Werner Bergelt: Wir gehen davon aus, dass wir keine Rekordernte einfahren, jedoch auch keine Missernte. Hinsichtlich der Qualität und der reinen Menge werden wir leicht unter dem Durchschnitt liegen. Die Getreidekörner sind etwas kleiner. Das Futter für die Milchkühe hat damit einen geringeren Nährwert.

Also konnten die Pflanzen der Trockenheit recht gut trotzen?

Ich mache mit meiner privaten Messstation in Großrückerswalde selbst Wetteraufzeichnungen. Im sehr trockenen April bildete das Getreide ein gutes Wurzelgeflecht, weil es im Boden nach Nässe suchte. Es folgte ein nasser und kühler Mai, sodass es in der Wachstumsphase genügend Regen gab. Das jetzige Wetter kommt den Landwirten bei der Ernte entgegen. Das Getreide muss nicht aufwendig getrocknet werden, was die Kosten senkt.

Wie sieht es beim Sommergetreide aus?

Dort lässt sich die Situation noch nicht abschätzen. Hafer oder auch Sommergerste reifen erst später. Wir kommen wahrscheinlich gerade in eine längere Phase der Trockenheit, gehen aber auch bei diesen Getreidesorten von keiner Missernte aus.

Die Landwirte des Erzgebirges konnten in den vergangenen Jahren ihre Erträge steigern. Wie haben sie das geschafft?

Wir haben im Erzgebirge derzeit einen Ertrag von rund 63 Dezitonnen Getreide im Jahr pro Hektar und lagen vor 20 Jahren noch bei etwa 56 Dezitonnen. Diese Ertragssteigerung von etwa zwölf Prozent ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass wir mit widerstandsfähigeren sowie ertragsstärkeren Getreidesorten arbeiten. Hinzu kommt beispielsweise die pfluglose Bodenbearbeitung, wodurch es bei starken Niederschlägen zu weniger Erosion kommt. Es geht also weniger wertvoller Boden verloren. Zudem haben sich die in der Landwirtschaft genutzten Maschinen verbessert. Mähdrescher werden zunehmend auf eine verlustarme Ernte getrimmt, sodass weniger auf dem Feld liegen bleibt.

Der Preis für die pfluglose Bodenbearbeitung ist der Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat.

Wir haben im Erzgebirge in den vergangenen Jahren zunehmend auf pfluglose Bodenbearbeitung umgestellt. Sie hat jedoch den Makel, dass mit Glyphosat gearbeitet werden muss. Es ist keine Frage: Glyphosat ist umstritten. Die einen Studien sagen, es ist wahrscheinlich krebserregend, andere kommen zu anderen Ergebnissen. Wir gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2023 der Einsatz europaweit alternativlos verboten werden könnte. Ohne Glyphosat entsteht für uns ein Riesenproblem. Auf vielen Flächen der Region müsste das Unkraut wieder mit dem Pflug beseitigt werden, wodurch die Erosion zunimmt. Das wirkt sich negativ auf die Erträge aus.

Wie sieht es hinsichtlich des Einsatzes anderer Chemikalien wie Pestiziden und Insektiziden aus?

In der konventionellen Landwirtschaft kommen Pflanzenschutzmittel längst nicht mehr so intensiv zum Einsatz wie vor 20 oder 30 Jahren. Es wird nun nach dem sogenannten Schadschwellenprinzip gearbeitet. Das heißt: Erst wenn etwa eine Pilzkrankheit den Pflanzenbestand stark gefährden könnte, oder wenn hinsichtlich eines Schädlings ein bestimmtes Gefährdungspotenzial überschritten wurde, wird gehandelt. Die Mittel sind so teuer, dass jeder Landwirt genau abwägen muss, ob er sie einsetzt oder lieber einen Teil des Ertrages einbüßt. Letzteres kann für ihn finanziell gesehen die bessere Wahl sein.

Also kein vorsorglicher Einsatz?

Vorsorglicher Pflanzenschutz tritt in den Hintergrund. Aussagen, es werde heutzutage mehr Pflanzenschutz eingesetzt als früher, kann ich nicht bestätigen.

Die Ökolandwirtschaft zeigt, dass es auch ohne geht.

Werden kein chemischer Pflanzenschutz und kein synthetischer Dünger genutzt, wie es im Ökolandbau der Fall ist, gehen die Erträge zurück. Wenn alle Landwirte Biolebensmittel erzeugen würden, würde jedoch die Welt nicht mehr satt werden.

Vielleicht sollten die Menschen in den Industrienationen damit anfangen, weniger Lebensmittel wegzuwerfen.

Die Bevölkerung möchte eben kurz vor Ladenschluss noch ein volles Bäckerregal haben.

Lassen sich die Ertragszuwächse in den kommenden Jahren in Hinblick auf den Klimawandel aufrechterhalten?

Wenn die Weltbevölkerung so rasant weiterwächst, werden wir die Steigerungen dringend benötigen. Dabei hilft die Technik, zum Beispiel autonom fahrende Landwirtschaftsmaschinen und punktgenaue Düngung. Ein großes Potenzial liegt in der Züchtung klimaresistenter Pflanzen. Vieles ist in dem Bereich noch unentdeckt.

Wird Gentechnik angesichts des Klimawandels salonfähig?

Falls es mit dem Ertrag nicht weiter nach oben gehen sollte, ist Gentechnik eine Alternative. Widerstandsfähige Pflanzen lassen sich mit ihr schneller erlangen, als mit klassischer Züchtung. Aktuell ist Gentechnik in Deutschland allerdings nicht gewollt und damit für uns in der Landwirtschaft kein Thema.

www.rbv-erzgebirge.de


Zur Person

Seit 1991 ist Werner Bergelt Geschäftsführer der Regionalbauernverbände Erzgebirge sowie Aue, Stollberg, Schwarzenberg und damit Ansprechpartner für alles, was mit Landwirtschaft zu tun hat.

Der 56-jährige Diplomlandwirt ist für rund 900 Mitglieder zuständig. Der Großteil sind Landwirte. Auch Arbeitnehmer und Senioren gehören dazu. (geom)

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