Polizei kassiert wegen offener Scheibe ab

Eine Rentnerin hatte vergessen, ihren Wagen komplett zu schließen. Nach einigen Tagen stand die Polizei vor ihrer Tür.

Chemnitz.

Es war an einem Samstagvormittag, die Familie saß in Reichenbrand beim Frühstück, als ein Polizeiauto vorfuhr und ein Beamter an der Haustür klingelte, berichtet Heidemarie Henker. Ihre 78-Jährige Mutter öffnete. Der Polizist erklärte der Rentnerin, dass die Scheibe ihres Autos offen stehe und es rein regne. "Er erklärte zudem, dass eine offene Autoscheibe eine Ordnungswidrigkeit ist", berichtet Heidemarie Henker. Die Scheibe dürfe nicht offen stehen, um keine Einbrüche zu provozieren, habe der Polizist erläutert. Danach habe der Beamte ihrer Mutter eröffnet, dass diese Ordnungswidrigkeit 15 Euro koste. "Dann hat er das Geld kassiert", so die Tochter.

Das Auto der alten Dame habe zu dem Zeitpunkt seit drei Tagen in einer Nebenstraße ihres Wohnviertels gestanden. Da es in dieser Zeit verstärkt regnete, nimmt sie an, dass hilfsbereite Nachbarn die Polizei verständigten, sagt Heidemarie Henker. Auch der Polizist sei freundlich und zuvorkommend gewesen. "Natürlich war es eine nette Geste, uns wegen der offenen Scheibe Bescheid zu geben", sagt die Tochter.

Aber deswegen gleich Geld zu kassieren, sei für sie unverhältnismäßig. Ihre Mutter habe einfach nur vergessen, die Scheibe zu schließen, das könne jedem passieren, meint sie. "Wenn die Polizei wegen Lärmbelästigung gerufen wird, weil jemand andere Leute belästigt, kostet das nichts. Wo ist hier die Verhältnismäßigkeit?", fragt Henker. Sie ist der Meinung, dass man auch ohne Verwarnung habe verfahren können.

Die Polizei bestätigt, dass eine offene Autoscheibe eine Ordnungswidrigkeit laut Straßenverkehrsordnung ist. In Absatz 2 des Paragrafen 14 "Sorgfaltspflicht beim Ein- und Aussteigen" steht, dass Kraftfahrzeuge gegen unbefugte Nutzung zu sichern sind, erklärt Hauptkommissarin und Polizeisprecherin Jana Ulbricht. Dies umfasse neben dem Verschließen des Autos auch das Schließen der Fenster. "Von dieser Pflicht, ihren Wagen zu sichern, wissen relativ wenige Autofahrer", sagt die Sprecherin. Der Bußgeldkatalog sehe für das Vergehen ein Verwarngeld von 15 Euro vor. Wie viele Fahrzeugführer in Chemnitz in letzter Zeit wegen nicht geschlossener Autoscheiben ein Verwarngeld zahlen mussten, ist nicht bekannt. Darüber führe die Polizeidirektion Chemnitz keine Statistik, so Jana Ulbricht.

Im vorliegenden Fall habe ein Zeuge die Polizei wegen der offenen Fensterscheibe benachrichtigt. Ein Streifenwagen sei daraufhin zu der angegebenen Straße gefahren und habe festgestellt, dass die Scheibe des Autos tatsächlich geöffnet war, schildert Jana Ulbricht. Da man die Halterin telefonisch habe nicht erreichen können, seien die Beamten zu ihr nach Hause gefahren, um sie über die offene Scheibe und die damit verbundene Ordnungswidrigkeit zu informieren.

Die Kritik Heidemarie Henkers, dass die Beamten ein Auge hätten zudrücken können und nicht sofort die Ordnungswidrigkeit ahnden müssen, weist die Sprecherin zurück.

Bei einer Ordnungswidrigkeit müsse gehandelt werden. Parke ein Autofahrer falsch oder fahre zu schnell, werde er auch beim ersten Mal bestraft, erklärt Ulbricht. Auch bei Lärmbelästigungen, die Henker angesprochen hatte, werde die Polizei aktiv. Bei derartigen Ordnungswidrigkeiten würden regelmäßig Anzeigen geschrieben. Die Bußgeldbehörde entscheide über die Höhe des Bußgeldes, so Ulbricht.

11 Kommentare
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  • 3
    3
    Schiko
    18.10.2020

    Anstatt sich bei den Beamten zu bedanken, wird schon wieder über 15 € diskutiert. Dabei geht es doch gar nicht nur um das "reinregnen". Es geht um die Vorbeugung von Straftaten, Fahrzeugdiebstahl usw.Die Fahrzeughalterin hat es potentiellen Autodieben leicht gemacht. Ihre Versicherung hätte genau deswegen einen Schadenersatz abgelehnt. Da wäre sie auf ihrem Schaden sitzen geblieben und das wäre bestimmt teurer als 15 €.