"Prüfen, wie die Wirklichkeit aussieht"

Fraktionssitzungen, Debatten, Akten- studium: Die 17-jährige Schülerin Lucie Neumann aus Falkenau hat in diesen Tagen volles Programm. Gemeinsam mit mehr als 300anderen Jugendlichen nimmt sie in Berlin am Planspiel "Jugend und Parlament" des Deutschen Bundestags teil.

Falkenau.

Stellen Sie sich vor, Sie säßen beim Berlinbesuch im Reichstagsgebäude nicht nur - wenn überhaupt - auf der Zuschauertribüne, sondern in einem der blauen Abgeordnetensessel, die man aus dem Fernsehen kennt, und hätten ein Wörtchen mitzureden. Sie hätten Gesetzentwürfe zu diskutieren, müssten in Ausschüssen und der Fraktion Mehrheiten suchen und Kompromisse aushandeln, um Dinge, die Sie für richtig halten, auf einen guten Weg zu bringen.

Für Lucie Neumann aus Falkenau ist das gerade zumindest spielerische Realität. Die 17-Jährige Schülerin nimmt seit Samstag gemeinsam mit über 300 anderen jungen Leuten zwischen 17 und 20 Jahren am Planspiel "Jugend und Parlament" des Deutschen Bundestags teil. Für vier Tage schlüpft jeder in die Rolle eines erfundenen Abgeordneten und spielt mit den anderen fiktive Gesetzgebungsverfahren durch.

"Ich möchte einen Einblick in den Politikbetrieb bekommen und Erfahrungen sammeln", sagt die Jugendliche, die sich bei der mittelsächsischen Wahlkreisabgeordneten Veronika Bellmann (CDU) um die Teilnahme beworben hatte und ausgewählt wurde. "Im Fernsehen sieht man immer Bilder, auf denen Abgeordnete in Debatten an ihren Handys herumspielen, und ich höre oft die Kritik, Politiker würden nicht viel arbeiten. Ich möchte überprüfen, wie die Wirklichkeit aussieht."

Parteipolitisch engagiert, sagt Lucie Neumann, sei sie selbst nicht. Auch wenn sie weiß, wen sie wahrscheinlich wählen würde, wenn sie schon dürfte, sei sie mehr an Sachfragen orientiert. Und am Landesgymnasium "St. Afra" in Meißen, einer Schule zur Hochbegabtenförderung mit dazugehörendem Internat, die sie seit der siebten Klasse besucht, habe sie zwar neben Deutsch auch Geschichte und Gemeinschaftskunde als Leistungskurse belegt. Doch es sei das Kreative, der künstlerische Bereich, der sie am meisten interessiere.

2014 gewann sie einen Nachwuchsförderpreis beim Wettbewerb "Literatur im Erzgebirge". Sie spielt in der Theatergruppe ihrer Schule mit. Zeichentrick und Animation seien ihre Leidenschaften, die sie nach dem Abitur gerne weiterverfolgen möchte - am liebsten mit einem Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg.

Jetzt aber erst einmal Berlin-Mitte und Politik. Zur Vorbereitung hat sie Zeitungen gelesen, Nachrichten geschaut und sich - sie hatte schulfrei - zu Hause mit Eltern, Geschwistern und Großeltern im Diskutieren geübt. "Es reizt mich, dass man im Planspiel vielleicht auch Positionen vertreten muss, die nicht unbedingt die eigenen sind", sagt sie. Denn welcher Fraktion sie angehören - so sind die Spielregeln -, wissen die Teilnehmer vorher nicht. Und selbstbewusst fügt sie hinzu: "Ich glaube, dass ich das vielleicht ganz gut kann, weil ich flexibel und sachorientiert bin."

Bewerbungen Das Planspiel "Jugend und Parlament" gibt es seit 1981, in der jetzigen Form seit 2004. Junge Leute können sich in der Regel im März/April bei Bundestagsabgeordneten wie Veronika Bellmann, die seit 2005 jeweils einen Teilnehmer auswählt, bewerben. Auch Gespräche mit Politikern stehen auf dem Programm. www.mitmischen.de/erleben

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