Rasenlatscher gab es schon früher

Seit kurzem gehört der Lichtenwalder Schlosspark dem Freistaat ganz, doch bislang fehlt eine Übersicht zu Kunstwerken und Geschichte. Gästeführerin Katharina Müller will das ändern - und hat einen Wunsch.

Lichtenwalde.

Mit dem Neuen Stück ist sie gerade befasst, sagt Gästeführerin Katharina Müller - konkret: wer das Areal am Südwestrand des Lichtenwalder Schlossparks wann erworben hat, wie es gestaltet wurde, sich veränderte und was davon heute als authentisch, also ursprünglich gilt. Vieles darüber ist lange bekannt. "Nur hat es nie jemand systematisch festgehalten; eine Art Verzeichnis fehlt", sagt sie.

Lange schon trägt sie Fotos, Reisebeschreibungen und alte Verwaltungsunterlagen zusammen, dazu Buchbeiträge, Zeitungsartikel und Gartenpläne verschiedener Epochen, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Debatte jüngst im Niederwiesaer Gemeinderat, über welche Kunstgegenstände der bis kürzlich zur Kommune gehörende Parkteil verfügt, hat Müller in ihren Sammel- und Katalogisierungsbemühungen bestärkt. "Wie wir in der Zeitung lesen konnten", sagt sie, "war auch der Verwaltung nicht recht klar, welche Ausstattungsstücke bis dato der Gemeinde gehörten." Nicht zuletzt deshalb ist sie dabei, nach und nach von jedem der oft in sich abgeschlossenen Parkareale eine akribisch mit Quellenverweisen versehene Ausarbeitung anzufertigen, um einen Zwischenstand zur Kulturgeschichte des Parks aufzuschreiben - über den früheren Küchengarten nördlich der Lindenallee genauso wie über südlich davon gelegene Areale: den Schneckengang etwa, das Vasenstück, die "Sieben Künste"... "Falls mal jemand danach fragt", ergänzt sie schmunzelnd, und um Besuchern, die ein zweites oder drittes Mal kommen, auch noch Neues bieten zu können.

Nun also das Neue Stück, das sie in ihren Führungen gerade besonders würdigt. "Hier sind bald Sanierungsarbeiten geplant: Brunnen müssen abgedichtet, Treppen repariert werden", so Müller über die Gründe. Einst von den Grafen von Watzdorf erworben, geht dessen heutige Gestalt auf deren Erben, die Vitzthum von Eckstädts, aber auch Veränderungen in der DDR zurück. Der Park insgesamt war nie etwas Statisches. Immerzu änderten Eigner oder Verwalter etwas, den finanziellen Möglichkeiten und dem Geschmack der Zeit entsprechend, auch wenn die barocke Grundstruktur stets erhalten blieb.

Müller zieht beim Rundgang als Beleg die Kopie einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie aus einem Bündel Illustrationsmaterial hervor. Das Original entstand um 1880. Die Kopie davon zeigt nicht nur, dass die Wand, an der der obere Brunnen im Neuen Stück noch immer befestigt ist, einst verputzt war. Während der DDR-Zeit brachte man Rochlitzer Porphyr an. Auch die Bepflanzung hat sich verändert. Auf einer Aufnahme aus der Weimarer Republik wuchert Efeu um den Wandbrunnen, der heute fehlt. Dass andere Phänomene keine neuen sind, gilt etwa für die "Rasenlatscher", sagt Müller. Früher war doch nicht alles besser. Das alte Foto legt Zeugnis ab von Absperrungen zum Schutz der Rabatten. Damals wiederum fehlten die heute aus Müllers Warte über Gebühr sprießenden Zuckerhutfichten, die den Gesamteindruck des Areals längst bedrohten.

Die beiden, auf zwei Höhenebenen einander gegenüberliegenden Wandbrunnen - sie zeigen das Erwachen der Natur und die Ernte - gelten indes nach wie vor als wertvollste Ausstattungsstücke des Neuen Stücks. Reisebeschreibungen, die Müller dank in den USA digitalisierter, im Internet abrufbarer Quellen auswerten konnte, zeichnen ein detailliertes Bild der Parkentwicklung. Für andere Bereiche hat sie in Österreich Nachweise gefunden. Ohne, dass es dafür auswärtiger Belege bedürfte, konnte sie in Erfahrung bringen, dass es sich bei einer Reihe von Delphinvasen - neben wenigen älteren und sichtbar verwitterten Exemplaren stehend - um Duplikate aus der DDR-Zeit handelt. "Das sieht man auf Anhieb", sagt sie. Weniger offensichtlich ist für den Betrachter, dass nicht alle aus Beton gefertigten Vasen Nachbildungen sind. Das sei ein verbreiteter Irrtum. "Auch die Grafen mussten mitunter aufs Geld achten und haben um 1900 eine ganze Reihe Vasen aus Stampfbeton herstellen lassen", so Müller. Dabei falle der Skulpturenschmuck im Gegensatz zu vergleichbaren Anlagen ohnehin spärlich aus, auch in alten Quellen schon und jenseits des Neuen Stückes.

Erfreulich nicht nur für Katharina Müller ist, dass der Park im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden sei. Zeitzeugen aus dem Ort hätten ihr zwar mitgeteilt, dass Rotarmisten nach Kriegsende im Park Schießübungen veranstalteten; schriftliche Belege fehlten jedoch bislang. Genauso wie ein Geländer an der immerhin zwölf Stufen aufweisenden Treppe vom oberen zum unteren Wandbrunnen im Neuen Stück, so die kundige Frau noch. "Das machen mir nicht nur ältere Gäste bei fast jeder Führung deutlich", sagt sie. Und: ob da nicht der Denkmalschutz, wie einst in einem ähnlichen Fall unweit des Schlosses, Nachsicht walten lassen könne. Ein schlichter Handlauf würde genügen. Auf Raumwirkung und ursprüngliche Baugestalt Rücksicht zu nehmen, ist für Müller selbstverständlich. "Aber die Sicherheit", betont sie, "ist doch auch wichtig."

Die nächste Führung durch den Schlosspark, bei der auch realisierte und nicht realisierte Veränderungen zu DDR-Zeiten Thema sind, findet am 23. September ab 13.30Uhr statt. Karten und Treff am Parkeingang, Schlossallee; Preis: 4, ermäßigt 3 Euro.

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