Risikogruppe in der Warteschleife

Die Generation Ü-80 soll frühzeitig Schutz geimpft werden. Doch wer nicht im Heim betreut wird, steht in Mittelsachsen vor Hürden. Wie Hilfe funktionieren kann, zeigt das Beispiel einer Kleinstadt.

Mittweida.

Was Christine Fischer aus Hainichen beschreibt, steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Anrufen und E-Mails von Lesern der "Freien Presse": "Die Über-80-Jährigen warten daheim auf eine Information, wann und wie sie zum Impfen kommen können." Es gebe viele Fragen in ihrem Bekanntenkreis dazu, aber kaum Antworten. Es sei unverständlich, dass ausgerechnet diese ältere Generation sich über ein Internetportal zum Termin im Impfzentrum Mittweida anmelden soll, teils wüssten die Betroffenen auch nicht, wie sie zum Zentrum gelangen sollen.

Dabei zählen die noch mobilen Menschen im Alter über 80 Jahren zu denen mit der höchsten Impfpriorität. Seit Montag sollten auch jene, die nicht in einem Heim leben, Individualtermine für den Zeitraum ab 18. Januar vereinbaren können, hieß es vom DRK-Landesverband, der die Arbeit der Impfzentren organisiert. Eine telefonische Anmeldung sollte diese Woche möglich sein, doch die geplante Impfhotline könne nicht vor dem Wochenende starten. Sozialministerin Petra Köpping kündigte am Dienstag an, man werde Menschen im Alter von über 80 Jahren auch persönlich anschreiben, wenn sie aufgrund eingeschränkter Mobilität nicht selbst zu den Impfzentren kommen können. Auch Transportmöglichkeiten wie Bürger-Busse würden geprüft. Die Impfung beim Hausarzt sei noch nicht möglich, da der Impfstoff eine Kühlkette verlangt. Zunächst sei, wie eine Sprecherin des Ministeriums erklärte, "Eigenverantwortung bei der Planung" der Fahrt zum Impfzentrum gefragt sowie die Hilfe von Angehörigen. "Auch für diese Gruppe ist das Impfzentrum die erste Anlaufadresse", heißt es aus dem Ministerium.

Die Realität in Mittelsachsen sieht offensichtlich anders aus. So gibt es bei der Kreisverwaltung keine Pläne, in Absprache mit dem Transportunternehmen Regiobus oder den Kommunen Busse oder Taxiunternehmen für den Transport von Älteren zum Impfzentrum in Mittweida zu organisieren, wie ein Sprecher der Verwaltung auf Nachfrage der "Freien Presse" erklärte.

Dass aber der Weg zum Beispiel von Freiberg nach Mittweida eine große Hürde für ältere Menschen darstellt, lässt sich aus mehreren Leserreaktionen ablesen. So fragte Regina Thiel aus Brand-Erbisdorf, ob nicht ein zweites Impfzentrum in der Region in Betrieb genommen werden könne, denn: "Der Weg nach Mittweida ist sehr weit und kann für alte und gehbehinderte Menschen ein großes Hindernis sein." Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln stelle eine große Belastung dar. Zwar hatte das Sozialministerium angekündigt, dass weitere ortsnahe Filialen der Impfzentren in Absprache mit den Landkreisen eingerichtet werden sollen, sobald mehr Impfstoff zur Verfügung steht. Doch Nachfragen dazu beim DRK und Landkreis blieben bisher unbeantwortet.

Und selbst Angehörige, die jetzt aktiv werden, üben Kritik. So hat Angela Griebsch aus Freiberg zwar die Registrierung ihrer Mutter für einen Impftermin via Internet erledigen können. Aber eine Terminvereinbarung war am Dienstag nicht möglich, sie sei auf weitere Versuche in den nächsten Tagen verwiesen worden.

Auch die Organisation einer Fahrt von Freiberg nach Mittweida mit dem Bus sei nicht einfach, da dies nur mit Umsteigen in Hainichen möglich und einschließlich Rückfahrt zeitaufwendig sei. "Es ist eigentlich ein Armutszeugnis, die Leute so allein zu lassen und die Organisation komplett den Familien zu überlassen", meint Angela Griebsch. Verwandte, die berufstätig sind, könnten auch nicht einfach einen Tag Urlaub für den Fahrdienst machen.

Mit Fragen der älteren Menschen zur Corona-Schutzimpfung werden auch Mitarbeiterinnen des ambulanten Pflegedienstes "Gemeindeschwestern Schwabenicky" in Mittweida derzeit oft konfrontiert, wie Annett Schwabenicky bestätigt. Doch sie habe auch Verständnis dafür, dass es nur lückenhafte Informationen dazu gibt. "Alle, die mit der Koordination zu tun haben, sind vollkommen überlastet." Es sei wichtig, das die alten Menschen Geduld haben. Sie selbst habe eine Online-Schulung des DRK zum Thema Personalimpfung besucht und könne so teils Auskunft geben. Einen Fahrdienst zum Impfzentrum könne der Pflegedienst aber zum Beispiel nicht anbieten, "da wir kein Taxiunternehmen sind. Auch fehlt für solche Dinge die Zeit, wir sind mit Pflege beschäftigt."

Die Initiative ergriffen haben derweil in der Stadt Rochlitz der vom Verein Muldentaler Jugendhäuser betriebene Jugendladen und der Seniorenrat der Stadt im Rahmen des Generationenprojekts "ZusammenWachsen". Auf Anregung des Seniorenrats und mit Hilfe der Stadtverwaltung wurde eine Kontaktnummer für ältere Menschen eingerichtet (01520 9290048), unter der sich Betroffene melden können, die Hilfe bei der Anmeldung zum Impftermin benötigen. Wie Sozialarbeiterin Peggy Lorenz vom Jugendladen erklärte, sei das bereits von einem Ehepaar in Anspruch genommen worden, das sie via Internet registrieren konnte. Dass man mit der ehrenamtlichen Hilfe der jungen Leute etwas bewegen kann, wurde in Rochlitz bereits mit der Einkaufshilfe in Coronazeiten demonstriert.


Kommentar: Helfende Hände bitter nötig

Es erscheint weltfremd, Über-80-Jährigen eine Anmeldung zum Impftermin via Internet anzubieten und schlicht darauf zu verweisen, dass doch Angehörige oder Bekannte einspringen könnten. Und das in einer Zeit, in der Kontakte zu Risikogruppen streng limitiert sind, sich viele zurückziehen mussten. Die Erwartungen an den alles regelnden Staat sind andererseits zu hoch gesteckt. Jetzt kommt es eher auf die Leute an, die nicht auf Vorgaben oder Initiativen von Behörden warten, sondern selbst das Heft in die Hand nehmen.

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11 Kommentare
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  • 1
    0
    meynhard
    13.01.2021

    „ Die Erwartungen an den alles regelnden Staat sind andererseits zu hoch gesteckt.“

    Da stimme ich zu, allerdings nicht in dem konkreten Fall.
    Es muss doch möglich sein die Briefe per Post zu senden. Vielleicht sogar noch mit einem gleichzeitigen Termin für Ehepaare. Das ist für mich ein Minimum was erwartbar ist.