Sechs Schwestern sollen es sein

Der demografische Wandel zwingt die evangelische Kirche zu Veränderungen in der Region: Frankenberg, Flöha-Niederwiesa, Augustusburg, Erdmannsdorf, Hohenfichte und Niederlichtenau rücken enger zusammen. Was ändert sich, was bleibt?

Flöha/Augustusburg.

Damit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in zwanzig Jahren eine Struktureinheit 4000 Christen zählt, sollen ihr heute mindestens 8000 Gläubige angehören. So sieht es das Grundlagenpapier "Kirche mit Hoffnung in Sachsen" vor. Nun werden die Konsequenzen daraus in der Region konkret.

Kirchgemeinden, die kleiner sind, müssen enger kooperieren, lautet die Vorgabe. Während sich die evangelischen Christen in und um Hainichen für eine Fusion ihrer bisherigen Gemeinden ausgesprochen haben und den engsten Zusammenschluss wählten, den die Landeskirche vorsieht, gehen jene in Frankenberg mit bislang einer Pfarrstelle, Flöha-Falkenau-Niederwiesa mit zweieinhalb Stellen für vier Kirchen, Augustusburg, Erdmannsdorf, Hohenfichte mit zusammen einer wie auch Niederlichtenau einen anderen Weg. Die formal sechs Kirchgemeinden mit fünfeinhalb Pfarrstellen haben zum 1. Januar ein sogenanntes Schwesternkirchverhältnis gebildet, die loseste Variante zur Zusammenarbeit. Dadurch bleiben alle Gemeinden eigenständig, verfügen über eigene Kirchenvorstände und Bankkonten. Das Personal bleibt, sie behalten ihre Liegenschaften - etwa Kirchgebäude, Pfarrhäuser, Friedhöfe, sagt Uwe Winkler. Der 62-Jährige ist Pfarrer der seit 1999 in einer derartigen Struktur zusammengeschlossenen, einst eigenständigen Gemeinden Augustusburg, Erdmannsdorf und Hohenfichte mit derzeit zusammen rund 1270 Christen. In der neuen Struktur kommen nun jene etwa 2200 in Flöha, Niederwiesa und Ortsteilen hinzu, die die Pfarrer Joachim Butter und Daniel Meulenberg mit Superintendent Rainer Findeisen betreuen. Niederlichtenau mit Pfarrer Ludwig Seltmann zählt ebenso dazu, um auf die geforderte Mindestanzahl von Gläubigen zu kommen, wie Frankenberg, in dem das Zentrum der neuen Kooperation liegt. Pfarrer dort und Leiter der neuen Struktur ist Jörg Hänel.

Hauptamtliche Mitarbeiter - neben den Pfarrern die Gemeindepädagogen, Kirchenmusiker, Verwaltungsangestellte - werden künftig allein von der Frankenberger Kirchgemeinde angestellt für alle Gemeinden im Schwesternkirchverhältnis, auch wenn sie ihre bisherigen Arbeitsorte behalten. Das soll die kleinen "Schwestern" entlasten. Denn mancher ächzt unter der Bürokratie: "Auf meiner ersten Pfarrstelle in den 80er-Jahren hatte beispielsweise ein Haushaltsplan für die Gemeinde vier Din-A-4-Seiten - inklusive Deckblatt", so Pfarrer Winkler. Heute umfasse der für seinen Zuständigkeitsbereich rund 45Seiten. Dafür muss Zeit aufgewandt werden, die anderswo fehlt.

Pfarrer Meulenbergs Erfahrung, die nicht nur er bei unzähligen Haus- und Krankenbesuchen, in Notlagen, aber auch im Alltagsgespräch gemacht habe, sei indes: Obwohl 75 bis 80 Prozent der Bürger Sachsens konfessionslos sind, bleiben große Fragen des Lebens, über die man sich auseinandersetzen möchte, auch der Wunsch nach Rat bei wichtigen Entscheidungen, nicht nur am Lebensende. Ob jemand einer Kirche angehöre oder nicht. Da die Kirche nicht schnelllebig agiere wie die technische Entwicklung, nicht ständig ihr Fähnchen in den Wind hänge, so Meulenberg, verpasse sie zwar mitunter, aktuelle Fragen rechtzeitig zu stellen, biete aber Halt. Damit müsse man nach außen hin offener umgehen.

Doch der dafür auch relevante, hauptamtliche Personalstamm schrumpft demografiebedingt: Joachim Butter, der derzeit eine Pfarrstelle besetzt und im Flöhaer Ortsteil Falkenau wohnt, geht im Frühjahr 2021 in Ruhestand. Für ihn wird es keinen Ersatz geben. Es bleiben viereinhalb Pfarrstellen. Superintendent Findeisen, der von Flöha aus den Kirchenbezirk Marienberg leitet, wird zwar wie bisher mit einer halben Stelle dabei sein, und die Zusammenarbeit der sechs Gemeinden soll ein neu zu bildender Verbundausschuss koordinieren. Ganz große Einschnitte sollen so zunächst verhindert werden. 2040 werden es laut Plan für 4000 Christen aber nur mehr drei Pfarrer und entsprechend weniger Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker als bislang sein.

Doch schon in einem Jahr wird sich mit Joachim Butters Ausscheiden einiges ändern: manche Gottesdienstzeit etwa - besonders in den Ferien, aber auch an Festtagen, dazu die grundsätzliche Erreichbarkeit der Pfarrer. In der Flöhaer Georgenkirche wird die musikalische Christvesper Heiligabend nicht mehr 17, sondern 22 Uhr stattfinden; die Christmette um 6 Uhr wird in Niederwiesa am 1. Weihnachtstag entfallen. Stattdessen gibt es 10.15 Uhr einen Gottesdienst. Andere werden zusammengelegt. Die Kirchenmusik kooperiere bereits ausgiebig, heißt es von verschiedenen Pfarrern.

Es wird anders werden - nach und nach. Jesus hat seine Anhänger, wie die Bibel berichtet, zu Hoffnung angehalten. Alle Planungen der Landeskirche schreiben Entwicklungen der vergangenen Jahre fort. Verringerte sich etwa die Anzahl der Kirchenaustritte, stiege die der Taufen oder Konversionen, dazu die Lebenserwartung, ergäben sich andere Szenarien. "Wir haben auch Grund zur Zuversicht", sagt Pfarrer Winkler. Mit Kantor Pascal Kaufmann habe ein Kinder- und erstmals ein Jugendchor gegründet werden können. Es komme immer darauf an, wie sich der oder die Einzelne einbringt.

"Deswegen hat Ehrenamtsbegleitung für uns Hauptamtliche einen hohen Stellenwert", sagt Daniel Meulenberg, der seit viereinhalb Jahren Pfarrer in Niederwiesa ist und einst von der Altreformierten Kirche zum Lutherischen Bekenntnis wechselte. "Wir müssen dabei auf andere, nicht nur in den benachbarten Kirchgemeinden, zugehen und werden herausfinden, dass sie nicht beißen", so der im niedersächsischen Aurich geborene, 39 Jahre alte Vater dreier Kinder schmunzelnd. Das decke die Kritik mancher über die Veränderungen nicht zu. "Gerade für ältere Menschen sind zum Beispiel längere Wege eine große Herausforderung", sagt er und fragt: "Doch wo begegnen wir uns - nur noch im Internet?"

Das der Strukturreform zugrunde liegende Papier ist im Internet abrufbar unter www.freiepresse.de/kirchenpapier


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