Sport im sitzen und ohne zu schwitzen

In unserer Region mit den vielen schönen Schlössern ist immer etwas los. So auch im September. Ein Rückblick.

Es wird Herbst. Und das freut die Romantiker. Einmummeln vor dem Kamin, viele bunte Blätter auf den Wegen, der Lärm ewig lang draußen sitzender Menschen verstummt. Hach, wie schön. Herbst bedeutet aber auch, dass es draußen kälter wird. Und das wiederum bedeutet, dass man den Kindern, die ja noch nicht selbst zielführend über ihre Kleiderwahl entscheiden können, etwas mehr Klamotten um den Körper wickeln muss. Problem hierbei: Das Platzangebot im Turnbeutel ist begrenzt. Eine Thermohose passt vielleicht noch rein. Aber für die Schafwollsocken, den Anorak (so nannte man früher das, was heute Hardshell Jacket oder Softshell Outdoor Jacket oder weiß der Kuckuck noch wie sonst heißt) und das Paar dicke Stiefel sieht es schlecht aus. Also muss der Sportunterricht für die Kids (früher: Kinder) wohl doch in die Sporthalle verlegt werden.

Wer jetzt denkt: Klar, ist doch logisch, dass der Schulsport in den kalten Monaten in einer Halle stattfindet, hat aber so dermaßen Recht. Es sei denn, er redet über die Oberschule und die Grundschule in Niederwiesa. Dort nämlich ist die Sporthalle schlicht zu klein, um allen Kindern Sportunterricht anbieten zu können. Es passt immer nur eine Klasse rein - und selbst dann wird es schon fast zu eng, um beim Völkerball eine faire Chance zu haben, anständig wegzurennen. Dazu kommt noch, dass die Sporthalle in Niederwiesa ein wenig in die Jahre gekommen ist. So beschreibt man das zumindest in einem Satire-Beitrag, wie dieser hier einer ist. Im Klartext würde man über den Zustand der Niederwiesaer Sporthalle eher sagen: Die ist fertig. Eine Zumutung. Abgeranzt. DDR-Museum. Zumachen, aber schnell.

Nun ist es nicht so, dass man das Problem mit der Sporthalle im Niederwiesaer Rathaus nicht kennen würde. Im Gegenteil: Man hat schon länger die Idee, mal eine neue Halle zu bauen. So eine mit Waschmöglichkeiten, Platz für mehrere Klassen, hellen Wänden und vielleicht sogar getrennten Umkleidekabinen für weibliche und männliche Sportlehrer. Ja, liebe Lehrer und Schüler der Ober- und Grundschule Niederwiesa - so etwas soll es tatsächlich geben. Seit etwa zehn Jahren diskutiert man im Ort bereits darüber, dass man so eine Halle bauen müsste. Nur hat man vergessen, den Plan auch in die Tat umzusetzen. Damals zum Beispiel, als es 90 Prozent Fördergelder hätte geben können.

Auch heute noch diskutiert man in Niederwiesa sehr gern über das Thema Sporthalle. Mittlerweile aber nicht mehr, um tatsächlich eine zu bauen. Scheinbar geht es jetzt darum, politische Machtkämpfe auf dem Rücken der Kinder auszutragen - Platz ist dort ja genug, denn durch den Bewegungsmangel werden die Nachwuchs-Niederwiesaer ja immer dicker. Da im November die Bürgermeisterwahl im Ort ansteht, gönnt sich offenbar gerade niemand irgendwas. Schon gar nicht, dass es tatsächlich zum Bau einer neuen Sporthalle kommt. Ist der Neubau einmal auf der Tagesordnung, wird nach zehn Jahren plötzlich darüber diskutiert, die Bruchbude doch zu sanieren. Und so geht es seit Monaten hin und her, während die engagierten Sportlehrer händeringend nach Lösungen für ihren Unterricht suchen.

Eine dieser Lösungen sieht vor, dass der Sportunterricht verschiedener Klassen weiterhin zeitgleich stattfindet - weil es ja nicht anders geht. Und während sich die Schüler der einen Klasse in der viel zu kleinen und heruntergekommenen Sporthalle die Ohren zuhalten - viel zu laut ist es dort durch fehlende Schalldämmung nämlich auch noch -, machen die Schüler der anderen Klasse eben Theorie. Denn ausfallen darf der Sportunterricht natürlich auf gar keinen Fall - wäre schlecht für die Statistik.

Das kann man sich dann ungefähr so vorstellen: Fritzchen fragt: "Herr Lehrer, wie bekomme ich mehr Muskeln in meinen Oberschenkeln?" Und der Lehrer erklärt ihm, dass er dafür regelmäßig trainieren muss. Am besten mehrmals pro Woche. Er erklärt auch, dass Ernährung wichtig ist. Und viel Bewegung. Fritzchen nickt dann artig und fragt: "Können wir das mal ausprobieren?" Woraufhin der Lehrer mit leisem Wimmern in der Stimme sagt: "Wie denn, mein Kind, wenn die Landesregierung die Sportstunden kürzt? Und wo denn, mein Kind, wenn es niemand gebacken bekommt, in Niederwiesa mal eine anständige Sporthalle hinzustellen?" Und dann sitzen sie alle da, gucken kurz traurig und gehen zum nächsten Unterrichtsschwerpunkt über. Thema: Wie schnell ich rennen würde, wenn ich könnte. Im November ist dann Vor-Ort-Theorie dran. Thema: Boxkampf der beiden Bürgermeisterkandidaten im Rathaus. Runde 175.

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