Springkraut bleibt eine Problempflanze

Aufgeben oder ankämpfen? Während Langenstriegis bei Frankenberg die eingewanderte Art dank intensiven Einsatzes seiner Einwohner offenbar erfolgreich zurückdrängen konnte, haben manche Behörden im Erzgebirge kapituliert. Die Region Flöha liegt nicht nur räumlich dazwischen.

Oederan/Flöha.

Das Drüsige Springkraut: 1839 aus dem westlichen Himalaya nach England eingeführt, gelangte es von dort als Zierpflanze nach Europa. Heute ist es überall in Sachsen etabliert und breitet sich weiter stark aus, heißt es im Artensteckbrief des sächsischen Landesumweltamts. Eine der bis zu drei Meter hohen Pflanzen mit den pinkfarbenen Blüten kann um die 4000 Samen verteilen.

Ohne aktive Bekämpfung führt das zur Verdrängung heimischer Arten - zumindest zeitweise, langfristig sei die Koexistenz möglich. Da aber die einjährige Pflanze im Herbst abstirbt und ohnehin nur schwache Wurzeln entwickelt, sind damit bewachsene Ufer schlechter vor Erosion geschützt. Deshalb lautet das Fazit des Artensteckbriefs, dass "Handlungsbedarf in zahlreichen Einzelfällen vorhanden" ist. Die "Freie Presse" fragte im Herbst 2017 in den Ortschaften rings um Flöha, was sie gegen das Springkraut unternehmen. Nun haben wir das wiederholt.

Augustusburg: Eine Strategie wie der Frankenberger Ortsteil Langenstriegis, in dem dreimal jährlich die Bäche abgegangen, das Kraut herausgerissen und fachgerecht entsorgt wird, hat Augustusburg noch nicht, sagt Bauamtsleiter Kai-Michael Zille. "Dafür haben wir momentan keine freien Spitzen." Ohnehin müsse die Stadt an den Gewässern zweiter Ordnung regelmäßig Begehungen durchführen. Dabei könnten Vorkommen erfasst und gezielt bekämpft werden. "Das wollen wir angehen", sagt Zille. Bisher seien keine Problembereiche bekannt, Bürger könnten sich aber melden, wenn ihnen etwas auffällt.

Eppendorf: Ähnlich sieht die Situation in Eppendorf aus. Die Mitarbeiter im Bauhof sind seit 2017 entsprechend geschult, um das Problem zu erkennen, wenn es auftaucht - aber das sei bisher nicht im großen Stil der Fall gewesen, berichtet Bürgermeister Axel Röthling. Große Vorkommen des Springkrauts, das Ufer und Feuchthabitate bevorzugt, seien ihm bisher an der Flöha aufgefallen - "aber außerhalb unserer Gemeindegebiets".

Flöha: Die Stadt, deren Gebiet mit Flöha und Zschopau gleich zwei große Flüsse queren, hält an ihrer Strategie fest: In Zusammenarbeit mit der Landestalsperrenverwaltung werden die Problembereiche regelmäßig gemäht. "Der Schwerpunktbereich befindet sich dabei am Flutgraben der Alten Baumwolle", so Simone Harnisch aus der Bauverwaltung. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren musste der Bauhof 2018 nur einmal mähen, nicht zwei- bis dreimal. "Durch den trockenen Sommer ist das Springkraut nicht so üppig gewachsen", sagt sie.

Leubsdorf: Auch durch die Gemeinde Leubsdorf fließt die Flöha, und auch hier hat sich das Drüsige Springkraut ausgebreitet, teilt Bauhofleiter Nico Bochmann mit. "Aber wir haben keine Anordnung, das Kraut zu bekämpfen", sagt er. Auch andere Neophyten - nach 1492 nach Europa eingewanderte Arten - erlebe er als "riesen Problem". Sie würden sich auch auf Freiflächen ausbreiten, die etwa im Wald nach dem Borkenkäferbefall von 2017 entstanden sind. Neuer Wuchs, etwa junge Bäume, bekämen dann Probleme, durch die Pflanzendecke durchzukommen, hat er beobachtet. Zugleich wisse er, dass Imker das Drüsige Springkraut schätzten - denn es blüht bis in den November und ist auch sehr nektarreich.

Niederwiesa: Nachdem sich das Springkraut 2017 besonders stark ausgebreitet hatte, hatte Niederwiesa beschlossen, in diesem Jahr mit dem Ausreißen zu beginnen. Nun sind die Uferränder von Eubacher Bach und Angerbach komplett bereinigt worden, berichtet Bauhofleiter Michael Thiemer. Der Bauhof musste damit eine Fremdfirma beauftragen. Denn das Ausreißen, Verladen und Entsorgen habe etwa mindestens vier Wochen gedauert. "Diese Zusatzarbeit hätten wir nicht stemmen können", so Thiemer. Einen Mähroboter konnte die Firma nur am Flutgraben einsetzen. An den steinigen Ufern der Bäche mussten die Pflanzen per Hand ausgerissen werden. Eventuell müssten die Arbeiten 2019 wiederholt werden.

Oederan: Das Ordnungsamt der Stadt Oederan hatte sich im August 2017 mit der Bitte an die Bürger gewandt, bei der Bekämpfung des Springkrauts zu helfen - indem sie sie vor der Blüte ausreißen oder vor der Samenbildung mähen. Gelegentlich entferne auch der Bauhof Pflanzen. Von dem Einsatz der Langenstriegiser zeigte sich Bauamtsleiterin Petra Wolf beeindruckt. Derzeit würden sie sich mit dem Bauhof und der Schönerstädter Ortsvorsteherin Susan Leithoff abstimmen, ob man die Aktion von Langenstriegis in Richtung Schönerstadt fortsetzt. "Denn es macht nur Sinn, wenn alle mitmachen - Bürger und Stadt", sagt Wolf. "Eine flächendeckende Beseitigung des indischen Springkrauts halten wir jedoch derzeit aus städtischer Sicht nicht für umsetzbar."


Feind oder neuer Freund? Positionen zum Springkraut unterscheiden sich

Städte und Gemeinden können sich bei Informationsbedarf an die Untere Naturschutzbehörde wenden, teilt Pressereferentin Cornelia Kluge mit. Das Drüsige Springkraut wird seit Juni 2017 in der EU als invasive Art geführt. Mitgliedsstaaten haben ein Maßnahmekonzept zu erarbeiten, erklärt Kluge. Bis 19.November können zu den hiesigen Entwürfen bei den Dienststellen der Landesdirektion Stellungnahmen abgegeben werden. Die Behörde nennt Wertstoffhöfe, die Kleinmengen entgegennehmen und entsorgen: Chemnitz (Weißer Weg), Freiberg, Mittweida und Roßwein.

Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl hält wenig von Pauschalurteilen gegen Neophyten: In seinem Buch "Wandernde Pflanzen" aus dem Jahr 2012 führt er die Ansiedlung von Neophyten unter anderem auf die Urbanisierung, die Landwirtschaft oder Veränderungen im Klima zurück. Da Springkraut blüht, wenn viele Pflanzen bereits verblüht sind, steht es Bienen und anderen Insekten oft noch lange als Nahrungsquelle zur Verfügung. Regeln für den Umgang mit der Pflanze habe er jedoch nicht aufgestellt, so seine Sprecherin Peggy Fichtner.

Der Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu) hat eine eindeutige Meinung: "Es ist dringend notwendig, gegen das Drüsige Springkraut vorzugehen - je eher, desto besser", so Ralf Mäkert vom Nabu-Naturschutzinstitut Leipzig. Sonst könne es andere Pflanzen verdrängen und deren Lebensräume bedrohen.

Im Internet: Auf seiner Webseite stellt der Kreis Arbeitshilfen bereit - www.landkreis-mittelsachsen.de, Auswahlmenü "Das Amt", Stichwort "Bürgerservice", "Artenschutz - Bekämpfung invasiver Arten".kala

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...