Tagebucheintrag 1: Herzlichkeit

Was wäre, wenn Inklusion nicht nur Utopie, sondern realer Alltag wäre? Wenn Menschen mit unterschiedlichen Schwächen, Stärken und Talenten, Hautfarben und Sprachen zusammenleben würden? Womöglich würde all das im Chaos enden. Aber vielleicht würde es ja auch ganz einfach funktionieren. Ich hatte Lust es herauszufinden und habe mich daher entschieden, mein Studium in Leipzig zu unterbrechen und ein Jahr in einer Camphill-Community zu verbringen. In den anthroposophisch geprägten Einrichtungen wird versucht, genau diese Utopie in der Realität wahr werden zu lassen.

Mit Hilfe des Vereins Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, liebevoll nur die "Freunde" genannt fand ich eine Einsatzstelle in der irischen Stadt Callan, wo ich nun schon seit einiger Zeit zu Hause bin. Callan ist eine auffallend lebhafte Kleinstadt südwestlich von Dublin mit 5000 Einwohnern. Es gibt hier wahrscheinlich ebenso viele Kühe wie Menschen, erstaunlich viele Pubs, die sich in den engen, von bunten Häuserwänden mit üppigen Blumenkästen gezierten Straßen aneinanderreihen. Sogar einen Aldi gibt es hier, was uns bei der Ankunft voller Stolz erzählt wurde. Wenn das nichts ist.

Bevor es losgehen konnte, absolvierte ich wie alle anderen angehenden Co-Worker ein Vorbereitungsseminar. Dort hatten wir Gelegenheit über jene Themen zu sprechen, die in den nächsten Monaten für uns wichtig sein werden: Organisatorische Fragen wie Arbeitsschutz, Regeln für den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen und - natürlich - verschiedene notwendige Hygienekonzepte.

Vielmehr standen jedoch persönliche Themen wie die individuellenErwartungen an das kommende Jahr im Vordergrund. Dabei wurde schnell klar: Sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, heißt immer auch, auf sich selbst zu schauen. Es ist nicht möglich darüber nachzudenken, wie ein Zusammenleben mit Personen mit besonderem Unterstützungsbedarf möglich ist, ohne gleichzeitig zu fragen: Welche Bedürfnisse habe ich selbst in einer solchen Wohngemeinschaft? (kruj)

Seit September lebt und arbeitet Paula Krujatz in der Camphill-Community in Irland. Dafür unterbrach die Niederwiesaerin für ein Jahr ihr Lehramtsstudium in Leipzig. Für die "Freie Presse" berichtet sie in einem Tagebuch in loser Folge über ihre Eindrücke und Erlebnisse bei ihrer Arbeit in der inklusiven Einrichtung in Callan.

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