Tod des eigenen Kindes: "Philip darf nie vergessen werden"

Elke und Jan Schmieder haben heute vor fünf Jahren ihren Sohn an den Krebs verloren. Hilfe, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten, haben sie von einem Verein erhalten. Und von einem besonders rasanten Projekt.

Lengefeld/Wolkenstein.

Es sind die bittersten Tage im Jahr für Familie Schmieder. "Das sind schlimme Wochen. Alles kommt wieder hoch", sagt Vater Jan. Dabei haben die Lengefelder am vergangenen Wochenende seinen 48. Geburtstag und den 17. von Tochter Celine gefeiert. Doch der heutige Samstag überschattet die sonst so freudigen Ereignisse. Vor genau fünf Jahren wurde der damals 14-jährige Philip abrupt aus dem Leben gerissen.

"Ich habe das Gefühl, es wäre gestern gewesen", sagt Mutter Elke. Am 1. September 2013, 12 Uhr starb ihr Sohn nach fünfmonatigem Kampf an einem aggressiven Hirntumor. Die vielen Krankheiten schon als Kleinkind, die Diagnose Krebs im April 2013, die zahlreichen Klinikaufenthalte, die Operationen sowie die Chemo- und Strahlentherapie - alles allgegenwärtig. "Der eine kann damit umgehen, der nächste nicht. Entweder man springt hinterher oder versucht, den Schmerz zu bewältigen", sagt Elke Schmieder.

Die Familie hat sich für Letzteres entschieden. Und dafür, sich Hilfe zu suchen. Doch das war zunächst nicht der Fall. "Man denkt und hofft, es allein zu schaffen. Doch die Familie drohte auseinanderzubrechen. Jeder trauert anders", erinnert sich die Mutter. Ein Brief zu Philips Geburtstag änderte ihre Verschlossenheit. Absender war das Brückenteam, das Familien von Todkranken unterstützt und eng mit Sonnenstrahl Dresden, einem Elternverein krebskranker Kinder, zusammenarbeitet. Die Familie ließ sich helfen. Celine Schmieder nahm fortan an Geschwistertreffen teil. Zudem wurden gemeinsam Veranstaltungen für verwaiste Eltern besucht. Heute sagt das Paar: "Die Hilfe hat unsere Ehe gerettet."

Und der Verein stellte auch den Kontakt her zu einem besonders rasanten Projekt: Nascar hilft. Das Team aus dem Erzgebirge um Fahrer Jan Wätzig ermöglicht es Familien von krebskranken Kindern, einen Tag als Crew auf der Rennstrecke zu verbringen. Oft nehmen die Kinder selbst auf dem Beifahrersitz des 520 PS starken BMW V8 Star Platz, donnern als Co-Piloten des Wolkensteiners über den Asphalt und erleben so das schnelle Glück als Abwechslung zum tristen Krankenhausalltag. Bei den Schmieders war es dafür schon zu spät.

"Dabei war Philip absoluter Autofreak", sagt seine Mutter. Für sie schließt sich der Kreis, dass im vergangenen Monat sie, ihr Mann und ihre Tochter mit Freund Daniel Sieber das Abenteuer erleben durften. Dass sich nicht nur Kinder neben Jan Wätzig pudelwohl fühlen, bestätigt Jan Schmieder: "Man fühlt sich trotz der Geschwindigkeit absolut sicher." Noch mehr schwärmt die Familie aber von der Atmosphäre. "Das Team, die Chemie, das familiäre Miteinander. Es sind auf Anhieb Freundschaften entstanden", sagt Elke Schmieder zu den Erlebnissen auf dem Sachsenring.

Erst seit diesem Jahr darf das Hilfsprojekt die Motoren auch auf dem Kurs bei Hohenstein-Ernstthal heulen lassen. In den fünf Jahren zuvor war das nur auf dem Lausitzring möglich. Das Zusatzangebot auf einem zweiten Kurs habe viel Mühe und Kosten verursacht, sagt Wätzig. Auf dem Sachsenring darf eine gewisse Lautstärke nicht überschritten werden. Der Annaberger Tilo Koch fertigte deshalb eine spezielle Auspuffanlage. Für das Auto sei das zwar eine Quälerei.

"Es ist so, als müsste ein Mensch mit zugehaltener Nase den Mount Everest besteigen", erklärt Wätzig. Aber nur so könnte die Dezibelzahl überhaupt eingehalten werden. Neben Koch unterstützen weitere mittelständische Unternehmen aus dem Erzgebirge das einzigartige Projekt. "Ohne ihre Hilfe wäre das alles nicht möglich. Auch nicht ohne Ruben Zeltner vom Fahrsicherheitszentrum Sachsenring, der uns die Strecke kostenlos nutzen lässt", dankt Wätzig.

Viel Unterstützung haben auch die Schmieders seit ihrem schweren Verlust vom Verein, von Familie und Freunden erhalten. Sie selbst sind von Beginn an offen mit ihrer Trauer umgegangen, haben 2014 eine Gedenkseite im Internet erstellt, die bisher mehr als 23.000-mal besucht wurde. Denn eines will die Familie ganz besonders: "Philip darf nie vergessen werden."

gedenkseiten.de/philip-schmieder

 

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