Tradition zum Mitmachen

Es entsteht nicht weniger als ein Volkskunstwerk im reinsten Wortsinne. Vom Profi bis zum blutigen Anfänger reicht das Spektrum der helfenden Hände. Das ist der Geist des Projektes. Der Kreis der Aktiven ist dabei nicht geschlossen.

Oederan.

Eine Stadt schnitzt sich eine Pyramide. "Wir sind eine Schnitzerstadt. Daher passt das perfekt", sagt Erika Wünsch vom örtlichen Kultur- und Kunstverein. Es Die Rede ist von einer neuen Ortspyramide für Oederan. Mit dabei sind Profis, erfahrene Hobby-Schnitzer, aber auch Laien. Das ist genau so gewollt. Schließlich ist das der Ansatz der Volkskunstschule in Oederan, die an der Umsetzung maßgeblich beteiligt ist.

Doch von Beginn an: Zur hiesigen Weihnachtstradition gehört eine Pyramide mit einschlägigen Figuren im Ortskern. In Oederan gibt es die zurzeit nicht, weil die alte durch eine Laterne ersetzt worden war und sich seither im Klein-Erzgebirge dreht. Das hat vor zwei Jahren Aktive des Kultur- und Kunstvereins auf den Plan gerufen. Die Idee war geboren. Schnell war klar, dass eine Pyramide entstehen sollte, die zum Ort passt. Also eine mit geschnitzten Figuren. Diese sollten die Geschichte Oederans von der ersten Besiedlung über alte Berufe bis hin zur Bergbautradition erzählen. "Zu Beginn haben wir uns nicht ansatzweise vorstellen können, was für einen Aufwand wir uns aufladen würden", gesteht Kathrin Reißmann vom Kultur- und Kunstverein. Sie hatte mit ihrer Zwillingsschwester Urte Skizzen für die geplanten etwa 20 Figuren angefertigt. "Ich habe dafür aufwändig recherchiert, wie die Mode der Zeit war und vieles mehr", erläutert sie. Zudem war sie viel unterwegs, hat sich in Kirchen und an anderen Orten inspirieren lassen. Das war für die gelernte Grafikerin jedoch nur die Vorarbeit. Denn von jeder Figur mussten vier Ansichten gezeichnet werden: von vorne, von hinten und von beiden Seiten.

Anhand ihrer Vorlagen entstehen aus Lindenholz die bis zu 80 Zentimeter großen Figuren. Sie werden später bemalt und sich auf den drei Etagen der etwa 4,80 Meter hohen Pyramide drehen. Unterstützt von Holzgestalter Matthias Hillig und Holzbildhauer Volker Beyer entstehen sehr individuelle Unikate. Zunächst war allerdings die Resonanz nicht sonderlich groß. "Da habe ich mich sogar als Schnitzerin zur Verfügung gestellt, obwohl ich noch nie geschnitzt hatte", sagt Reißmann. Ihre Premierenfigur ist übrigens der Sämann, der auf der unteren Etage platziert werden wird.

Kein Problem, findet Rolf Büttner, Leiter der Volkskunstschule. Denn auch darum geht es beim Pyramidenprojekt: jeden und jede einzubinden. Hilfslinien auf dem Holz, etwa wie Höhenlinien auf einer Landkarte, unterstützen die Schnitzer bei ihrer Arbeit. "Der Grad der notwendigen Unterstützung ist von Person zu Person natürlich unterschiedlich", räumt er ein. Das Lindenholz verzeiht auch Fehler, beschwichtigt Büttner: "Zur Not macht man einen graden Schnitt und setzt ein neues Stück an."

Dass Figuren in durchaus unterschiedlichen Stilen entstehen, empfindet Kathrin Reißmann sogar als Reiz: "So werden sie unverwechselbar. Die Figuren dürfen gerne auch etwas augenzwinkernd sein." So sei es schließlich auch bei einigen Figuren im Miniaturenpark Klein-Erzgebirge. Und so sei auch eine für Außenstehende vielleicht etwas befremdliche Figur zu erklären: der Henker. Der gehört jedoch fest zur Ortshistorie und darf daher nicht fehlen.

Auch wenn dieser Tage der Advent beginnt, müssen sich die Oederaner noch gedulden. Den vor Advent 2021 wird es nichts mit der neuen Pyramide, zumal Corona das Schnitzen daran zuletzt doch arg behindert hat. "Wenn wir arbeiten könnten, wäre 2021 realistisch", sagt Büttner. Derweil entstehen das Gestell und die Technik. Einen Vorgeschmack auf das, was entsteht gibt es aber trotzdem schon. Beim Optiker Petermann und dem Schuhgeschäft "Schuhmuckel" werden in den Schaufenstern zwei bereits fertiggestellte Figuren ausgestellt.


Es gibt genug Arbeit für die Zukunft 

Das Pyramiden-Projekt wird nicht mit der Erstausstattung beendet sein. Denn es gibt auch für die weitere Gestaltung viele Ideen. Da wäre zum einen das Innere des Gestells. Auf jeweils drei Holzplatten sollen Geschichten erzählt werden. "Wir werden Reliefs gestalten", verrät Rolf Büttner, Leiter der Volkskunstschule. Darauf wird die Weihnachtsgeschichte erzählt und das historische Stadtleben skizziert. "Es könnten Werkstätten entstehen, durch deren Fenster die Betrachter im Inneren weitere Details entdecken können", sagt Büttner. Erste Skizzen dafür gibt es bereits. Zudem soll der Sockel der Pyramide verkleidet und diese Verkleidung gestaltet werden. Zum Schutz der Figuren wird es auch eine Art Zaun geben; allerdings in Form eines Geländereliefs, das markante Orte der Umgebung zeigt.

Auch mit den Figuren bleibt künftig genügend Arbeit. Schließlich müssen sie in Schuss gehalten werden. "Vielleicht können wir unser Ensemble auch verändern oder erweitern", sagt Büttner. (bjost)


Mitstreiter gesucht

14 Menschen beteiligen sich zurzeit aktiv an dem Projekt, sagt Rolf Büttner, Leiter der Volkskunstschule. Jeder weitere Interessierte ist willkommen. Grundkenntnisse sind nicht vonnöten. Das Schnitzen der Holzfiguren ist auch Teil des Kursprogrammes der Volkskunstschule. Zurzeit ist dieses coronabedingt unterbrochen.

Zur Finanzierung ist das Projekt auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Mit Kosten von rund 45.000 Euro wird gerechnet. 6500 davon sind vornehmlich über Förderungen gedeckt. Rund 3500 Euro wurden zudem gespendet. Demnächst werden an verschiedenen Orten in Oederan Spendenboxen aufgestellt.


Die Motive

Etage 1, Besiedlung: Adliger, Händler, Schäfer, Mönch, Holzsammler mit Esel, Bauer/Sähmann, Bäuerin mit Garbenbündel, Spielmann. Dahinter: Weihnachtsgeschichte.

Etage 2, alte Berufe: Zinngießer, Spinnerin, Töpfer, Schankmagd, Schmied, Henker. Dahinter: Blick in Werkstätten.

Etage 3, Bergbau: Bergmann mit Erzschubkarre, Erzwäscherin, Erzklopfer, Bergmann mit Schütte auf Schulter. Dazu: von oben abgehängte Engel mit Flöte, Laute und Harfe.

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