Überblick verzweifelt gesucht

Bis zur Ratssitzung am 22. August gibt die Gemeinde keine Auskunft zu ihrem Kunst-Bestand. Doch die Uhr tickt. Niederwiesa hat weiterhin keinen Haushalt 2018.

Niederwiesa/Lichtenwalde.

Stell Dir vor, es gibt Kunst. Und keiner weiß, was dazugehört. So kann man die derzeitige Lage in der Gemeinde Niederwiesa beschreiben. Ausgangspunkt der andauernden Suche nach den kommunalen Kunstwerken ist die Debatte um den Haushalt 2018 in der letzten Gemeinderatssitzung am 9. Juli. Mit Misstrauen hatten Gemeinderäte darauf reagiert, dass Kämmerer Mirko Ott auf der Haben-Seite der sogenannten Eröffnungsbilanz acht Kunstgegenstände verbucht, diese aber nicht detailliert beschrieben hatte. Die Bilanz ist für alle Orte und Kreise obligatorisch und ist eine Momentaufnahme von Soll und Haben zum 1. Januar 2012. Zugleich ist sie Berechnungsgrundlage für alle folgenden Haushalte. Da die Bilanz auf die nächste Ratssitzung am 22. August vertagt wurde, konnte noch kein Haushalt 2018 beschlossen werden. Die Gemeinde unterliegt der vorläufigen Haushaltsführung. Darum verzögert sich zum Beispiel der Bau der notwendigen Sporthalle.

"Die Gemeinde Niederwiesa hat einen Schlosspark im Ortsteil Lichtenwalde. In diesem Park befinden sich Brunnen, Wasserbecken, Plastiken und Steinbänke, die als Kulturgüter betrachtet werden", steht in den Erläuterungen zur Bilanz. Welche acht Objekte konkret gemeint sind, dazu äußert sich Mirko Ott weiterhin nicht. "Vor der Gemeinderatssitzung veröffentlichen wir keine Informationen, welche zuerst dem Gemeinderat vorbehalten sein sollten", teilt der Kämmerer mit und bezieht sich auf eine "Absprache mit Frau Bürgermeisterin Ilona Meier".

Täglich im Schlosspark unterwegs ist Katharina Müller. Die Gästeführerin kennt jeden Stein und jeden Betonabguss und hat sich die Mühe gemacht, einmal zwischen Original und Kopie zu unterscheiden. Fazit ihrer Inventur, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: "Im Park gibt es so gut wie keine Originale mehr." Originale Reste sind laut Katharina Müller zumindest von "Putten, der Reliefplatte vom Delfinbrunnen, der Diana-Statue und von der Fischgruppe vom Brunnen am Südwest-Abgang" erhalten geblieben.

Konkret zu deren Verbleib befragt, sagte Mirko Ott: "Laut meinem Kenntnisstand lagern die Fragmente noch immer neben dem Kellerhaus. Sofern zwischenzeitlich Teile abhandengekommen sein sollten, entzieht sich das meiner Kenntnis. Laut Aussage des Bauhofs und des Standesamtes wurden keine Veränderungen vorgenommen und uns auch keine Veränderungen mitgeteilt." Allerdings wurden die Steinfragmente "bei der Erfassung des Vermögens nicht mit notiert, was rein buchhalterisch auch nicht zwingend notwendig war." Wenn also diese originalen Reste nicht in der Bilanz notiert sind: Welche acht Kunstgegenstände wurden dann verbucht? Die Harrassäule, das Holzkruzifix auf dem alten gräflichen Friedhof? Die Maschinen in der heutigen Schauweberei in Braunsdorf?

Zusätzliche Verwirrung entsteht dadurch, dass die Gemeinde 2017 ihren 6,5 Hektar großen Anteil am Schlosspark an den Freistaat Sachsen verkaufte. Parkbetreiber ist die Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH (ASL). Auch dort fragte die "Freie Presse" nach dem Verbleib der Fragmente. Vergeblich: "Wir haben den Sachverhalt geprüft. In unseren Unterlagen finden sich keine Aufzeichnungen dazu", so die ASL-Antwort.

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