"Unser Stück ging immer weiter"

Birgit Lehmann ist seit zwei Jahrzehnten die Kurfürstin Anna. Auch ohne Matthias Brade spielt sie weiter. Einen neuen Kurfürsten will sie nicht.

Augustusburg.

Natürlich wird sie heute nach Augustusburg kommen und als Kurfürstin Anna ihren Auftritt am Adventskalender haben. Birgit Lehmann sagt, das wäre ja auch in seinem Sinne. Sie meint Matthias Brade, der am 9. August 68-jährig gestorben ist und bis zuletzt den Kurfürsten August von Sachsen verkörpert hat. Geplant war am Heiligabend der Auftritt beider Schauspieler am Adventskalender. Als Kurfürstenpaar sollten sie die aktuelle Kalender-Saison beschließen.

Nun kommt die Kurfürstin allein. Sie komme gern, sagt Birgit Lehmann und dass der Auftritt ein Abschluss ist, ein Finale, eine Zäsur das sei durchaus reizvoll. Auch wenn dieses Finale ein trauriges ist: Nach 20 Jahren wird es voraussichtlich die letzte Adventskalendersaison in Augustusburg gewesen sein, in der tagtäglich ein Fensterchen mit einem Kulturprogramm geöffnet wird. Der Verein muss kürzer treten, die meisten der engagierten Helfer sind fortgeschrittenen Alters, Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Sascha Aurich

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Es ist mehr als 20 Jahre her, dass Birgit Lehmann in Augustusburg bei einer Veranstaltung im Schloss zur Kurfürstin wurde. "Zofe war ich, Kurfürstin bin ich geworden -was für ein Aufstieg", sagt sie und lacht. Sie kommt mit ihrem Mann gerade aus Dresden und wird an diesem Dezemberabend als Mutter Anna in der Schlossgaststätte auftreten. Einmal im Jahr absolviert sie diesen Auftritt gemeinsam mit zwei Spielleuten, während dem Publikum im Saal ein weihnachtliches Vier-Gänge-Menü aufgetischt wird. Die zwei Abende sind seit langem ausverkauft.

"Ich habe das Matthias Brade zu verdanken", sagt die Schauspielerin aus Dresden, die ihre majestätische Rolle genießt und ausfüllt, genauso wie Brade den Kurfürsten mit Macht und Herrlichkeit verkörperte. Nicht wenige dachten, dass die beiden auch im wirklichen Leben verheiratet seien. Waren sie aber nicht. "Vielleicht konnten wir deshalb so leicht aufspielen, vielleicht haben wir uns deshalb blind verstanden", sagt Birgit Lehmann. "Unser Stück ging ja immer weiter", sagt sie. "Auch nach unseren Auftritten blieben wir das Fürstenpaar."

Diplom-Psychologin ist Birgit Lehmann eigentlich und schon in der DDR erwarb sie einen Berufsausweis als Moderatorin. Sie hat sich intensiv mit der Kurfürstin Anna beschäftigt, die ja eine dänische Prinzessin war, deutsche Vorfahren hatte und deshalb sehr gut Deutsch sprach. Es ist unbestritten, dass die Kurfürstin eine starke Frau war, die sozial engagiert war, sich mit Heilkräutern und Arzneien beschäftigte und die großen Einfluss auf ihren Mann, den Kurfürsten hatte. Die Ehe der beiden galt als harmonisch und liebevoll. Davon zeugen auch 15 gemeinsame Kinder, von denen allerdings elf früh starben. Die beiden waren während ihrer 37 Ehejahre selten getrennt. Oft begleitete die Kurfürstin ihren Mann auf Reisen.

Die Renaissancezeit sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen, sagt Birgit Lehmann. Es gibt eine Reihe einflussreicher Frauen aus dieser Zeit, die von (ihren) Männern akzeptiert und manchmal sogar gefördert wurden. Die Kurfürstin Anna von Sachsen gehörte dazu. "Es ist traurig, dass in der Residenzstadt Dresden das Kurfürstenpaar beinahe vergessen ist", sagt Birgit Lehmann. Alles dreht sich um August den Starken - den Ur-Ur-Urenkel des Kurfürsten August von Sachsen. Die Annen-Medaille immerhin, mit der in Sachsen seit 1995 engagierte Ehrenamtler ausgezeichnet werden, geht auf die Kurfürstin Anna zurück. Vielleicht darf Birgit Lehmann irgendwann die Medaille im Gewand der Kurfürstin verleihen. "Das wäre geboten", sagt sie sehr majestätisch und schmunzelt. Aber sie meint es ernst.

Nachdem sie sich für ihren Auftritt angekleidet und für das Foto vor einem Porträt der Kurfürstin posiert hat, sagt Birgit Lehmann unvermittelt: "Es war für mich die schönste Zeit." Sie meint die gemeinsame Zeit mit Matthias Brade. Ob sie künftig allein als Kurfürstin durch die sächsischen Lande zieht? Sie wisse noch nicht, wie es langfristig weitergeht, sagt Birgit Lehmann und erzählt, dass in der historischen Wirklichkeit ja die Kurfürstin vor dem Kurfürsten starb - am 1. Oktober 1585 in Dresden. Der Kurfürst heiratete drei Monate später eine 12-jährige Tochter des Fürsten Joachim Ernst von Anhalt. Nur sechs Wochen nach der Hochzeit starb auch er.

Einen neuen Kurfürsten-Darsteller werde es nicht geben, sagt Birgit Lehmann. Die Lücke, die Matthias Brade hinterlässt, sei nicht auszufüllen. Sie hat kürzlich aber einen jungen Mann getroffen, der vielleicht Christian I. verkörpern könne, den Sohn des Kurfürstenpaares und Nachfolger Augusts von Sachsen. Ein leiser Gedanke sei das erst einmal, sagt sie. Mutter und Sohn unterwegs. Man werde sehen ...

Die Lösung des vierten Adventskalenderrätsels ist die Zahl 15. So viele gemeinsame Kinder hatte das Kurfürstenpaar.

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