Vom Käferwald zum Bürgerwald

Um die Wälder zu retten, geht Bobritzsch-Hilbersdorf neue Wege. Besuch bei einer ungewöhnlichen Sitzung des Gemeinderats.

Bobritzsch-Hilbersdorf.

Sie heißen Buchdrucker oder Kupferstecher, und ihr Handwerk ist die Zerstörung: Borkenkäfer lassen großflächige Fichtenbestände austrocknen und absterben. So auch in Bobritzsch-Hilbersdorf. Rund 100 Hektar umfasst der Gemeindewald, hauptsächlich in den Ortsteilen Nieder- und Oberbobritzsch. Etwa 15 Prozent sind bereits kahl, erklärt Robert Schmidt, der Pächter: "Das ist eine reale Krise." Zuerst hatte der Sturm regelrechte Schneisen geschlagen. Dann kamen die Trockenheit und die Schädlinge. Forstwissenschaftler Martin Hartig zeigt ein Stück Borke mit Larven: "Ein Weibchen kann 50 Eier legen, und jedes Jahr schlüpfen drei Generationen."

Einmal im Jahr trifft sich der Gemeinderat draußen, an der Quelle Jungfernborn bei Oberbobritzsch. Robert Schmidt informiert über seine Arbeit, vor knapp zwei Jahren hat er den Gemeindewald als Pächter übernommen. Der gelernte Förster wohnt im Ort, betreibt auch ein kleines Forstunternehmen. Der Marktpreis für Holz sei inzwischen so niedrig, dass es ein Minus einbringe. Gleichzeitig seien Jungpflanzen teuer. Doch seine Bedenken, das gesamte Schadholz aus dem Wald zu räumen, begründet er auch ökologisch. Oft werde es mit den Käfern per Zug durch Europa transportiert: "Wir brauchen aber regionale Wirtschaftskreisläufe." Er könne sich etwa eine Hackschnitzel-Heizung für öffentliche Gebäude vorstellen.

Doch zunächst beschließen die Räte an diesem Donnerstag eine Strategie für den Gemeindewald. Ein Kerngedanke: Auf ausgewählten Flächen können abgestorbene Fichten stehen bleiben.

Damit geht die Gemeinde einen anderen Weg als die meisten Orte, wo befallene Fichten großflächig gefällt und aus dem Wald heraustransportiert werden. Der Staatsbetrieb Sachsenforst hat inzwischen beschlossen, auf von ihm bewirtschafteten Flächen Fichtenbestände bis in 400 Meter Höhe den Schädlingen zu überlassen.

Der Gemeindewald von Bobritzsch-Hilbersdorf liegt auf etwa 500 Metern. Robert Schmidt will sich aber nicht auf eine Höhe festlegen: "Es hängt vom Standort ab. Ich schaue mir den Wald jeden Tag an."

Auf etwa der Hälfte der Fläche habe bereits die Naturverjüngung begonnen: Unter grauen Fichten, die kaum noch Nadeln haben, wachsen zum Beispiel Hunderte kleiner Ahorntriebe, vom Wind ausgesät, vom Schatten der Fichten beschützt. Schon nach zwei bis drei Jahren sei an vielen Stellen der Anfang eines Mischwalds erkennbar. Andererseits: Wenn zwischen gesunden Fichten ein einzelner Baum befallen sei, müsse er weg: "Wir brauchen alle Handlungsoptionen."

Die gibt ihm der Gemeinderat, und zwar einstimmig. Dabei wird klar: Hier geht es um mehr als um den Borkenkäfer. Hier kämpfen Bürger für ihren Wald. Eine Richtungsentscheidung. Gemeinderat Michael Trinkler (Die Linke): "Der ökologische Wert des Waldes wird in Zukunft viel höher sein als der Holzwert." Für Bürgermeister René Straßberger (CDU) geht es um vielfältige Nutzung: "Der Wald ist nicht nur Rohstoffquelle, sondern auch Naherholungsgebiet und Lebensraum."

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