Von menschlichen Abgründen

In loser Folge lässt die "Freie Presse" die Zeit seit Januar Revue passieren und ruft Ereignisse aus den vergangenen Monaten in Erinnerung. Heute: Die Kriminalfälle des Jahres.

Rochlitz.

Der "Tatort" ist ein Fixpunkt im Fernsehen. Auch fünfzig Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Folge ist die Serie ein Quotengarant. Mord, Totschlag, Clankriminalität - die Geschichten um die Verbrechen fesseln ein Millionenpublikum. Ganz so spektakulär geht es im Landkreis nicht zu. Trotzdem hatten die Ermittler der Polizei auch in diesem Jahr allerhand in den mittelsächsischen Dörfern und Städten zu tun. Staatsanwaltschaft und Gerichte sind ebenfalls gefordert, wie eine Auswahl Aufsehen erregender Kriminalfälle beweist.

Das Wintertreffen in Augustusburg bringt es zu Jahresbeginn bundesweit in die Schlagzeilen. Nicht wegen der geschätzt 7500 Besucher und den gut 1800 Motorradfahrern, die am zweiten Januarwochenende mit durchaus sehenswerten Maschinen vorfahren. Nein, es ist ein als Adolf Hitler verkleideter Mann, der für Furore sorgt. Beim Treffen grüßt er lässig aus dem Beiwagen eines Wehrmachtsmotorrads. Viele Zuschauer zücken das Smartphone, schießen Bilder und filmen die Szene. Auch ein Polizist - das Gespann hatte zuvor neben einem Polizeifahrzeug eingeparkt - nimmt das Geschehen sichtlich amüsiert auf.

Noch am Montag folgt ein kritisches und konstruktives Gespräch mit dem Beamten, denn die Szenerie stellt laut einem Polizeisprecher durchaus eine öffentliche Störung dar. Auch der Staatsschutz der Chemnitzer Kripo prüft den Fall. Letztlich gibt es jedoch kein juristisches Nachspiel für den Hitler-Imitator. Das Tragen eines Seitenscheitels und eines entsprechenden Barts falle nicht unter den Straftatbestand des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Das Zeigen von Hitlerfotos, ein Hitlergruß oder ein Hakenkreuz sind hingegen strafbar.

Bei einer Einbruchserie, die die Menschen in der Mittweidaer Region zu Jahresbeginn in Atem hält, können die Ermittler einen Erfolg vermelden. Im April fassen Beamte drei Männer, die mutmaßlich hinter einem guten Dutzend Einbrüchen stecken. Das Trio muss sich bald wegen schweren Bandendiebstahls vor Gericht verantworten. Am 4. April sollen sie in drei Schulen in Mittweida, am 8. April in ein Lottogeschäft in Hainichen eingestiegen sein und sich mit ihrer Beute aus dem Staub gemacht haben. Zunächst sitzt im Januar ein 17-Jähriger auf der Anklagebank des Chemnitzer Amtsgerichts. Laut Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart steht bisher nicht fest, wann seine Komplizen - der eine 25, der andere 37 Jahre alt - vor dem Schöffengericht erscheinen müssen. Der 25-Jährige sitzt zurzeit in U-Haft. Wohl auch, weil er mehr als die beiden anderen auf dem Kerbholz haben soll. Ihm werden zudem mehrere Diebstähle vorgeworfen. Zwischen Mitte Februar und Ende März soll er nicht nur in verschiedene Schulen eingebrochen sein, sondern auch in ein Autohaus, eine Gaststätte und ein Sportlerheim.

Zu einem tragischen Verkehrsunfall kommt es am 17. Mai auf der A 4 bei Rossau. Ein Autofahrer, der wohl mit einem Van oder SUV unterwegs ist, löst mit einem Überholmanöver einen Verkehrsunfall aus, bei dem ein 36-Jähriger stirbt. Der Autofahrer wechselt an diesem Sonntag in der Nähe des Parkplatzes "Rossauer Wald" von der mittleren auf die linke Spur. Der 36-Jährige muss abrupt bremsen, gerät dabei mit dem Wagen ins Schleudern, durchbricht einen Zaun, überschlägt sich mehrfach und landet im Baum. Noch am Unfallort verstirbt der Schwerverletzte. Ein Verdächtiger für die fahrlässige Tötung mit Fahrerflucht kann bisher laut Oberstaatsanwältin Burghart nicht ermittelt werden.

Ein Seriendieb aus Augustusburg muss für drei Jahre und fünf Monate ins Gefängnis. Denn der 26-jährige arbeitslose Fleischer ist, wie es Ende Juli im Urteil des Chemnitzer Amtsgerichts heißt, für mehrere Einbrüche und schwere Diebstähle verantwortlich, unter anderem klaute er Mopeds. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm 32 Taten innerhalb von sechs bis sieben Monaten vorgeworfen. Wert der Beute: gut 50.000 Euro. Der junge Mann legte ein weitreichendes Geständnis ab und erklärte, mit den Diebstählen seine Drogensucht finanziert zu haben.

Die Summe ist beträchtlich: Hunderttausende Euro erbeutet eine Gaunerbande in der Rochlitzer Region mit gefälschten Rechnungen. Die Masche: Die Kriminellen fischen über Monate hinweg aus verschiedenen Briefkästen in der Muldestadt Schreiben von Firmen und Handwerkern, danach ändern sie die Kontodaten. Die Empfänger zahlen - und das Geld landet auf den Konten der Bande und nicht bei den eigentlichen Absendern der Rechnungen. Die Masche fliegt auf, nachdem sich Mahnungen und Strafanzeigen häufen. Ende August werden Kleingärten und Wohnungen in Rochlitz, Mittweida und Zettlitz durchsucht. Handschellen klicken. Ein Ehepaar, sie 39 Jahre alt, er 41 Jahre alt, sitzt seither in U-Haft, zudem ein 39-jähriger Komplize. Zwei weitere Beschuldigte sind inzwischen unter Auflagen wieder auf freiem Fuß. Insgesamt wird den sechs Männern im Alter von 20 bis 43 Jahren sowie der 39-Jährigen gewerbs- und bandenmäßiger Betrug in 87 Fällen, davon in 32 Fällen als Versuch, sowie gewerbs- und bandenmäßige Urkundenfälschung in 87 Fällen zur Last gelegt. Eine Anklage vor dem Landgericht wird vorbereitet.

Nach einem Banküberfall in Hartha sucht die Polizei weiterhin nach dem bewaffneten Räuber. Der Mann stürmt am Morgen des 8. Oktober maskiert in das Geldinstitut, bedroht zwei Mitarbeiterinnen mit einer Schusswaffe und flüchtet mit einem nicht näher benannten Betrag. Wenig später wird mit einem Großaufgebot nach dem Räuber gefahndet. Sogar ein Hubschrauber zieht in der Region seine Kreise. Zeugen des Geschehens melden sich später bei der Polizei. Polizeisprecherin Jana Ulbricht bittet auf Nachfrage um Verständnis, dass aufgrund des laufenden Verfahrens keine weiteren Angaben dazu gemacht werden.

Der Tod einer 33-jährigen Afghanin beschäftigt seit Mitte November das Chemnitzer Landgericht. Der 39 Jahre alte Ehemann soll am Abend des 19. Mai mehrfach im Hausflur eines Mehrfamilienhaus in Freiberg auf seine Frau eingestochen haben. Für die 33-Jährige kommt jede Hilfe zu spät. Die Rettungskräfte finden die Frau tot auf. Der Mann, ein fünffacher Familienvater aus Afghanistan, wird festgenommen und sitzt seither in U-Haft. Seit Prozessauftakt haben mehr als ein Dutzend Zeugen ausgesagt. Der Mann, der sich wegen Totschlags verantworten muss, beteuert bisher seine Unschuld. Das Urteil gegen Abdul M. wird bald gefällt. Am heutigen Montag werden letzte Zeugen gehört und womöglich die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehalten.

Ein 72-jähriger Senior wartet derweil weiter auf seinen Prozess vor dem Freiberger Amtsgericht. Dem Mann wird Brandstiftung vorgeworfen. Konkret werden ihm zwei Fälle der Brandstiftung und ein Fall der versuchten Brandstiftung im Fürstenwald nahe der B 101 in Kleinwaltersdorf zur Last gelegt. Die Ermittler hatten außerdem 18 weitere Brandstiftungen seit 2015 untersucht; diese Taten konnten dem Angeklagten aber nicht nachgewiesen werden. (mit cor/dpa/lea/jan/mbe)

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