Warum die Schutzmauer zur Falle wird

Niederwiesaer kämpften vor gut sechs Jahren gegen das Hochwasser. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie heute keine Angst mehr haben müssen.

Niederwiesa.

Ausnahmezustand. Binnen ein, zwei Stunden eskalierte die Situation: 70 Meter fehlender Hochwasserschutz waren in der Nacht zum 3. Juni 2013 der Grund für die Katastrophe. Das Wasser der Zschopau drückte durch die klaffende Lücke im unfertigen Damm. Die Menschen dahinter kämpften verzweifelt, doch sie verloren. Manche sogar alles. Zu den Niederwiesaern, die vor gut sechs Jahren vom Hochwasser heimgesucht worden waren - nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 zum zweiten Mal - gehörten die Bewohner im Bereich Alten Dresdner Straße, Kurze Straße und B 173. An diese dramatischen Stunden kann sich Ralf Reinhardt sehr genau erinnern. Dass die Menschen an der Zschopau künftig vor Hochwasser geschützt sind, dafür haben am Sonnabend Niederwiesaer Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Wasserzweckverbandes ZWA und der Gemeinde Niederwiesa sowie der Landestalsperrenverwaltung gemeinsam das taktische Vorgehen trainiert - Einsatzleiter war der Niederwiesaer Wehrleiter.

Die 2,3 Kilometer lange Schutzanlage an der Zschopau könnte zur Falle werden, wenn das Wasser aus der Kanalisation und dem bergigen Hinterland die Keller flutet. Deshalb gibt es eine Binnenentwässerung: Im Hochwasserfall wird die Kanalisation dann abgesperrt und das Regenwasser umgepumpt. Spezielle Technik dafür gehört der Gemeinde. Auf zwei Anhängern steht sie einsatzbereit in einer Garage auf dem Gelände der Bundeswehr in Frankenberg, gewartet wird sie von den Spezialisten des ZWA.

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Was nützt die beste Technik, wenn die Einsatzkräfte nicht mit ihr vertraut sind? Genau aus diesem Grund fand am Sonnabend diese spezielle Einsatzübung statt - seit 2015 die dritte dieser Art. "Zu Beginn werden die Einsatzkräfte in ein rotes und ein blaues Team eingeteilt. Deren Zusammenspiel muss funktionieren", sagt Einsatzleiter Ralf Reinhardt. Und es ist eine ganze Menge zu beachten. Zur Binnenentwässerung entlang der Schutzmauer gibt es zehn Schächte. Für jeden Schacht ist eine spezielle Pumpe samt Notstromaggregat konzipiert. Das heißt, im Ernstfall müssen die Helfer wissen, was genau wohin gehört.

"Zur Übung haben wir deshalb alle zehn Schächte angefahren. Zusätzlich mussten wir zwei Abflüsse verschließen", erklärt Wehrleiter Ralf Reinhardt. Geschlossen wurden auch die beiden Durchlässe an der B 173. - Wer sich noch erinnert: Beim Hochwasser 2013 gab es an der Landbrücke zeitweise kein Durchkommen mehr, die wichtige Verkehrsader war durchtrennt.

Ralf Reinhardt ist mit dem Agieren seiner 20 Einsatzkräfte sehr zufrieden. "Wir haben dieses Mal unter Echtzeitbedingungen trainiert." Der Wehrleiter spielt damit auf das schlechte Wetter an und nimmt es gelassen: "Bei Hochwasser regnet es nun mal." Wichtiger für ihn ist die hohe Einsatzbereitschaft seiner Leute. Denn auch wenn es viele nicht wissen: Die Wasserwehr ist eine Aufgabe der Gemeinde und nicht unweigerlich der Feuerwehrleute. "Für uns ist diese Übung eine zusätzliche Geschichte. Deshalb kann ich die Einsatzbereitschaft nicht hoch genug loben."

Zufrieden mit der Übung ist auch Niederwiesas Bürgermeisterin Ilona Meier (parteilos): "Es hat alles bestens geklappt. Ich hoffe allerdings, dass wir das nur üben müssen und der Ernstfall Hochwasser nicht eintritt. Mein Dank geht an alle Beteiligten von ZWA, LTV, Feuerwehr und Gemeindeverwaltung", sagt sie auf Anfrage der "Freien Presse".

Warum - entgegen der Übungen in den Jahren 2015 und 2017 - sich jetzt kein Niederwiesaer beim Probelauf blicken ließ? "Das ist eine richtige Frage. Aber an den Falschen gestellt", lautet die Antwort des Wehrleiters. "Die Leute haben Vertrauen zum Hochwasserschutz entlang der Zschopau entwickelt - keine Frage. Aber natürlich könnten wir auch Niederwiesaer gebrauchen, die nicht in der Feuerwehr ehrenamtlich tätig sind. Jeden freiwilligen Helfer. Ich kann nur dazu aufrufen, in der Wasserwehr mitzuarbeiten."

Die Freiwillige Feuerwehr Niederwiesa hat aktuell 56 Einsatzkräfte. Insgesamt besteht die Truppe aus gut 100 Ehrenamtlern. Im Juni wollen die Feuerwehrleute ihr tradi-tionelles Sommerfest feiern.

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