Warum Zwiebelfische unerwünscht sind

Mit beweglichen Lettern revolutionierte Johannes Gutenberg den Buchdruck. Eine Niederwiesaerin bringt Hobby-Schriftsetzern das alte Handwerk bei. Dafür braucht es mehr als nur Fingerspitzengefühl.

Niederwiesa.

Christine Schulze hat ein besonderes Hobby, das sie allerdings seit Monaten kaum ausüben kann. Die gelernte Schriftsetzerin bietet seit 15 Jahren Druckkurse in der Druckwerkstatt im Oederaner Museum an und bringt Interessierten das alte Handwerk des Setzens und des Druckens ein Stück näher.

"Seit dem ersten Lockdown im März habe ich genau fünf Mal mit Schulklassen und Privatpersonen in der Druckwerkstatt gearbeitet", erzählt die 73-Jährige. Am liebsten würde sie sofort wieder loslegen, denn es gibt für sie kein schöneres Hobby. Ihren bisher letzten Einsatz hatte sie im Oktober.

In ihrer Jugend hatte sie von einem Bekannten viel über den Beruf des Schriftsetzers gehört. "Das hat mich interessiert. Voraussetzung für eine Ausbildungsstelle war, dass man in Grammatik, Rechtschreibung, Literatur und Ausdruck überall die Note 1 im Zeugnis vorweisen konnte", erzählt Christine Schulze. Trotz ihrer guten Zensuren gab sie noch einmal extra Gas in der Schule und absolvierte anschließend von 1964 bis 1967 eine Ausbildung in einer Druckerei in Mittweida.

Heute bietet die Rentnerin Kurse im Oederaner Museum an und bringt Kindern und Erwachsenen die alte Setz- und Druckkunst bei, wie zu Zeiten von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des modernen Buchdrucks. Gemeinsam werden unter Anleitung der Setzerin kleine individuelle Schriftstücke zusammengesetzt und anschließend gedruckt.

Aus den Fächern eines Schriftkastens holt Christine Schulze zielstrebig Buchstaben heraus. In Spiegelschrift fügt sie in einem Winkelhaken alle Lettern, so nennt der Schriftsetzer seine Buchstaben und Zeichen, aneinander.

"Mir geht das Herz auf, wenn ich überlege, wie viele Menschen früher schon diese alten Lettern in ihren Händen hatten oder was alles mit ihnen gedruckt wurde", sagt die Niederwiesaerin. Insgesamt gibt es im Oederaner Museum 196 Schriftkästen, gefüllt mit ungezählten Lettern in verschiedenen Schriftarten und -größen. "Die kleinste lesbare Schriftgröße heißt Nonpareille" erzählt sie. Die Schriftgröße wird in Punkten gemessen. Nonpareille, aus dem Französischen übersetzt mit "die Unvergleichliche", hat eine Höhe von 6 Punkten und misst 2,256 Millimeter. Schriftgrößen gibt es von 6 bis 24 Punkt.

Sogenannte Ausschlussstücke, Metallstückchen ohne Schriftbild, sind in jedem Setzkasten zu finden. "Diese dienen zum Ausfüllen auf dem Winkelhaken. Es müssen alle Zwischenräume ordentlich ausgefüllt sein. Das Ausschlussmaterial ist wie die Leertaste eines Computers", macht Christine Schulze verständlich.

Dass ein Setzer nicht nur etwas im Köpfchen haben muss, sondern auch körperlich schwer arbeitet, erfährt man beim Anheben eines Setzkastens. Aufgrund der vielen schweren Lettern mit der Blei-, Antimon- und Zinnlegierung wiegen sie etliche Kilogramm.

Neben den vielen Buchstaben finden sich auch sogenannte Klischees in den Setzkästen. Klischees werden in der Setzer-Sprache auch Druckstöcke genannt und sind beispielsweise Stempel mit Stadtwappen, mit Zeichen alter Gewerke wie Hutmacher, Uhrenmacher oder Schmied sowie Firmenlogos. "Mit diesen konnte man früher die Rechnungsbögen für Firmen drucken", so Christine Schulze.

Wenn Buchstaben und Ausschluss auf einem Setzschiff fertiggesetzt werden, ergibt sich eine Kolumne, die mehrfach mit einer Kolumnenschnur fest umbunden wird, bevor nach weiteren Arbeitsschritten der Druck erfolgen kann.

Ordnung war beim Schriftsetzer besonders wichtig. "Sonst konnte es passieren, dass man einen Fisch oder Zwiebelfisch in der Hand hielt", so 73-Jährige. Diese Fachausdrücke stehen für Buchstaben, die in falschen Fächern liegen und die Ursache für Fehler im Text sind. Beim Fisch liegt ein Buchstabe im falschen Buchstabenfach, also ein A im B-Fach. Beim Zwiebelfisch liegt zwar der richtige Buchstabe im Fach, gehört allerdings einer anderen Schriftart an und müsste somit in einen anderen Setzkasten.

Bevor es aber im Druckmuseum in Oederan Zwiebelfische gibt, sortiert Christine Schulze nach Beendigung ihrer Druckkurse lieber selber alle Buchstaben zurück in die entsprechenden Setzkästen.

Das Korrigieren war damals weitaus aufwendiger als heute. Der falsche Buchstabe musste entfernt und ausgetauscht werden, die Lücken neu berechnet und alles wieder gut eingebunden werden. Noch mehr Arbeit gab es, wenn die Setzer die Rahmen der einzelnen Kolumnen nicht richtig ein- oder anfassten. Dann rutschten alle Buchstaben heraus und landeten als Buchstabensalat auf dem Boden. "Das ist mir in der Ausbildung auch schon passiert. Es war sehr ärgerlich, denn die Arbeit einer ganzen Stunde war damit vernichtet", erinnert sich Christine Schulze.

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