Was eine Lehrerin in ihr Tagebuch schrieb

2012 kam der Abrissbagger. Doch bis heute ist die Schule Görbersdorf unvergessen. Nicht nur bei den ehemaligen Schülern.

Görbersdorf/Oederan.

Dank einer glücklichen Fügung kann das Museum Oederan für seine neue Sonderausstellung "Görbersdorfer Schule" aus dem Vollen schöpfen. Roland Schmoranz, der Ortschaftsrat von Görbersdorf, und zwei ehemalige Lehrerinnen haben viele Zeitdokumente und Fotos zusammengetragen. Eine Auswahl ist ab 18. August im Websaal zu sehen.

An seine eigene Schulzeit kann sich Roland Schmoranz noch gut erinnern. Zum Beispiel an den besonders eisigen Winter, als die Schulkinder Brennbares mitbringen sollten und alle gemeinsam "Laurentia, liebe Laurentia mein" sangen, um sich aufzuwärmen. Oder an die vielen Wald-und-Wiesen-Schulstunden in freier Natur, oder auch an jenen hier namentlich nicht genannten Mitschüler, dem Schmoranz das Gruppenbuch-Zitat "Ich gehe nicht gern in die Schule. Rechtschreiben, Grammatik, Zeichnen, Nadelarbeit und Singen ist doof", sofort und zweifelsfrei zuordnen konnte.

Angefangen hatte alles mit einem Dachbodenfund. "Meine Eltern hatten zu DDR-Zeiten das Haus mit dem ehemaligen Lebensmittelladen Weise gekauft", erzählt Roland Schmoranz. "Dort fanden sie die versteckte Fahne des Schützenvereins, hielten sie aber wegen der politischen Verhältnisse lieber unter Verschluss." Nach der Wende fragte der an der Ortsgeschichte interessierte Görbersdorfer nach der glücklicherweise erhalten gebliebenen Fahne und ging fortan von Hof zu Hof und von Haus zu Haus, um Details über die Geschichte des Schützenvereins zusammenzutragen. "Dabei hörte ich immer wieder etwas über die Görbersdorfer Schule und bekam viel Material in die Hand gedrückt", erklärt er den Ursprung seiner Sammlung.

Zu deren Quellen gehören auch viele Stücke aus dem Besitz der ehemaligen Lehrerinnen Edith Wiedrich und Gisela Schönfeld. "Edith Wiedrich etwa besaß viele Bilder", erzählt der Heimatforscher. "Leider ist sie 2002 plötzlich verstorben." Ihr ist es zu verdanken, dass vieles die Zeiten überdauert hat. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Edith Wiedrich neben der Schule gewohnt hat. Auf ihrem Dachboden hatte sie viele Unterlagen ausgebreitet, um Zusammenhänge und Verknüpfungen herzustellen.

Die Pädagogin hat auch ein einzigartiges Tagebuch hinterlassen. "Bange Fragen begleiten mich auf meinem ersten Weg zum Schulhaus", schreibt sie. Wie werden mich die Kinder aufnehmen? Wird es mir gelingen, ihre Herzen zu gewinnen?" Das Büchlein hat es in sich. "In diesem hat die Neulehrerin von ihrem ersten Schultag an alles aufgeschrieben, was sie bewegt hat", sagt Roland Schmoranz. Das ist spannend, da sie zeitgleich und in einem Klassenraum die erste und die dritte Klasse unterrichtete. "Als Neulehrerein schilderte sie ihre Eindrücke von ihrer Klasse, die aus unterschiedlichen Jahrgängen bestand. Abends hat sie den Kindern von Kriegsflüchtigen aus dem Osten noch die deutsche Sprache beigebracht", so der Chronist. Er selbst wurde 1956 in Görbersdorf eingeschult. "Mit der fünften Klasse kam ich dann nach Oederan", so Schmoranz. "1972/73 wurde letztmals in Görbersdorf eingeschult. Laut einem Gemeinderatsbeschluss vom 23.11.1972 erfolgte ab September 1973 die Einschulung für alle Görbersdorfer Kinder in Oederan", erklärt Museumsleiterin Ramona Metzler. 2012 wurde das Schulgebäude in Görbersdorf abgerissen. "In diesem Jahr jährt sich der Bau der Dorfschule (ehemals Richard-Rentsch-Straße 80) zum 130. Mal."

Für ihre Ausstellung haben die Museumsleute nachgeschaut, mit welchen Dokumenten aus ihren eigenen Beständen sie die Sammlung von Roland Schmoranz kombinieren können. Die Kooperation bekommt gute Kopfnoten, denn nicht nur Zensurbücher, ein Plakat zum 60-jährigen Schulfest, Aufsätze und das besagte Tagebuch können die Besucher sehen. Auch viele Fotos werden gezeigt, bei noch lebenden ehemaligen Schülern wegen des Datenschutzes ohne Namensnennung.

Und dann sind da noch die Leihgaben von Ingeborg Rümmler, geborene Schneider und damit eine Verwandte des Oederaner Bürgermeisters Steffen Schneider. Keine Bange, dessen Zeugnisse werden nicht enthüllt. Dafür aber gibt es zwei Tassen zur Erinnerung an die 25-jährige Schulweihe Görbersdorf 1888 bis 1913 zu sehen. Ingeborg Rümmlers Mutter ist eine geborene Thiele. Diese Liddy Thiele erhielt als schon ältere Schülerin die zartere Tasse, der rustikalere Pott ging an die jüngere Gertrud, Ingeborg Rümmlers Tante. Von dieser stammt auch eine 1922 entstandene und ebenfalls ausgestellte Handarbeit. Da war Gertrud Thiele zwölf Jahre jung.

Die Ausstellung "Görbersdorfer Schule" ist vom 18. August bis zum 31. Oktober im Websaal im Oederaner Museum, Markt 6, zu sehen. Der Eintritt kostet drei Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

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