Wenn die Todesnachricht alles auslöscht

Mehr als 100 Einsätze ist Christian Kempe aus Hohenfichte gefahren und hat als Kriseninterventionsberater und Notfallseelsorger Erste Hilfe für die Seele geleistet.

Hohenfichte.

Eine kalte Novembernacht gegen 23 Uhr. Der Mann fährt in seinem Auto durch die Straßen der Kleinstadt. Angestrengt sucht er im Dunkeln nach dem abseits gelegenen Einfamilienhaus. Außer einem Namen und der Adresse weiß er nicht viel. Er zögert nur kurz, bevor er an der Haustür klingelt. Ein Mann Mitte Sechzig öffnet, lässt ihn wortlos ein und führt ihn ins Wohnzimmer zu seiner toten Ehefrau. Fassungslos stammelt dieser, dass sie nicht ins Bett gekommen sei. Da habe er nachgesehen und sie tot im Sessel gefunden. Der Notarzt sei gerade gegangen. Er wisse überhaupt nicht weiter, bricht es plötzlich aus ihm heraus.

Christian Kempe drückt beruhigend die Hand des Mannes und geht mit ihm in die Küche. Er sagt nicht viel, er muss einfach nur da sein und zuhören. Als Kriseninterventionsberater und Notfallseelsorger überbringt er Todesnachrichten und betreut die Betroffenen in den ersten Stunden nach einem tragischen Einschnitt: Verkehrsunfälle, plötzlicher Kindstod, Suizid, Tod im häuslichen Bereich - es sind Extremsituationen im Leben, nicht fassbar und kaum zu ertragen.

Sascha Aurich

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In über 100 Einsätzen hat Christian Kempe Erste Hilfe für die Seele geleistet. Und jeder Fall sei unter die Haut gegangen. Dabei ist es "nur" ein Ehrenamt, das der 74-jährige Hohenfichtener bis Ende 2017 ausgeübt hat. "Die Altersgrenze liegt eigentlich bei 70 Jahren. Aber es gibt nun mal zu wenig Freiwillige, und ich kann nicht nein sagen", meint er schlicht. Genau so einfach ist für ihn der Grund, warum er überhaupt diese schwierige Aufgabe angenommen hat: "Ich habe als Disponent in der Rettungsleitstelle Freiberg mitbekommen, dass die Rettungskräfte oft zu mehreren Einsätzen gleichzeitig unterwegs waren und sich niemand genügend Zeit für die Angehörigen nehmen konnte."

Der ehemalige Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Leubsdorf und gläubige Christ zögerte nicht und absolvierte eine Ausbildung zum Notfallseelsorger. 2006 hatte er dann als Mitglied im Verein "Notfallhilfe Freiberg" seinen ersten Einsatz.

"Wenn die Polizei eine Todesnachricht überbringen musste, stehen die Betroffenen unter Schock und wissen nicht weiter. Wir überbrücken die Zeit, bis die Angehörigen eintreffen und die ersten Gedanken wieder Platz finden", sagt Christian Kempe.

So auch im Fall des Mannes, der mit seiner Frau sehr zurückgezogen gelebt hatte. Weder Kinder oder Nachbarn konnten ihm in seinem ersten Schmerz beistehen. Bis zum Morgengrauen habe er mit dem Mann in der Küche gesessen, Kaffee gekocht, Fotos angeschaut und sich dessen Lebensgeschichte angehört. Und sie haben gemeinsam Abschied von der Toten genommen, denn das sei für das seelische Gleichgewicht unheimlich wichtig, weiß Christian Kempe aus seiner jahrelangen Erfahrung.

Was würde ich nur machen, wenn Sie nicht hier wären? Diesen Satz habe der verzweifelte Witwer damals immer wieder zum Notfallseelsorger gesagt und damit den unschätzbaren Wert seiner Anwesenheit zum Ausdruck gebracht.

Aber wie verarbeitet Christian Kempe selbst diese Eindrücke? "Nach einem Einsatz bin ich zuerst immer nur ein paar Meter gefahren. Dann habe ich am Straßenrand angehalten, tief ein- und ausgeatmet und bin in Gedanken das Gespräch durchgegangen. Habe ich alles richtig gemacht? Bin ich lange genug geblieben? Dann erst habe ich das Radio eingeschaltet und mich auf die Heimfahrt konzentriert."

Auch die Gespräche mit seinem Team im Notfallhilfeverein Freiberg und vor allem mit Claudia Polster, der Vorsitzenden, hätten ihm sehr geholfen, sagt der Hohenfichtener. Dazu Claudia Polster: "Jedes Mitglied entscheidet selbst, wie es einen Einsatz verarbeiten möchte. Denn trotz der Ausbildung hat mancher mit der Verarbeitung des Erlebten zu kämpfen. Meist hilft ein Gespräch untereinander." Ansonsten bestehe jederzeit die Möglichkeit, die Hilfe des Supervisors, also einer psychologisch ausgebildeten Person, in Anspruch zu nehmen, so die Vereinschefin.

Getroffen hat sich Christian Kempe später prinzipiell nicht wieder mit den Betroffenen, auch, um den nötigen Abstand zu wahren. Nur ein einziges Mal hat er eine Ausnahme gemacht. "Eine alte Dame bat mich inständig, noch einmal mit ihr gemeinsam zu beten. Ihre Familie ging schon lange nicht mehr zur Kirche, aber sie suchte den christlichen Beistand. Diese Bitte konnte ich ihr einfach nicht abschlagen."

Auch wenn seine aktive Zeit vorbei ist, liegt ihm die Zukunft des Vereins und das Engagement neuer Mitglieder sehr am Herzen: "Die Arbeit als Notfallseelsorger ist schwer, aber ungemein wichtig. Ich habe es nicht ein Mal bereut. Ich weiß, wie gut es den Menschen tut, wenn man einfach nur da ist, zuhört und eine Hand drückt. Und das gibt einem selbst ein gutes Gefühl." Bezeichnend für seine Einstellung ist, dass er selbst zu Silvester 2017, seinem letzten Tag als Notfallseelsorger, noch einen Einsatz übernommen hatte.


Die acht Mitglieder der "Notfallhilfe Freiberg" haben regelmäßig Bereitschaft

Die ,,Notfallhilfe Freiberg'' ist 2001 mit sechs Mitgliedern gegründet worden. Derzeit zählt der Verein 15 Mitglieder, von denen aber nur acht regelmäßig Bereitschaft haben. Das Einsatzgebiet betrifft den ehemaligen Landkreis Freiberg und damit zirka 140.000 Einwohner. Im Jahr werden ungefähr 40 Einsätze übernommen.

Die Vereinsmitglieder haben sich die Betreuung von Menschen nach einem belastenden Ereignis zur Aufgabe gemacht. Am häufigsten erfolgt der Einsatz nach plötzlichem Todesfall zu Hause, Suizid, und wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss. Auch die Polizei wird dabei von den Ehrenamtlern unterstützt.

Vorkenntnisse sind bei der "Notfallhilfe Freiberg" generell nicht nötig. Wer mitarbeiten möchte, sollte aber mindestens 23 Jahre alt sein. Der Besitz eines Führerscheins und eines Pkw wären hilfreich. Die Ausbildung wird vom Verein vermittelt und auch finanziert. (anpö/ka)

www.notfallhilfe-freiberg.de

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    CPärchen
    24.01.2019

    Absoluten Respekt für diese Leute!



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