Wer hat die Uhr vom Oederaner Bahnhof?

In das Gebäude soll wieder Leben einziehen - der Besitzer wünscht sich viele Feriengäste. Vorher ist noch viel zu tun. Die "Freie Presse" durfte einen Blick ins Innere werfen.

Oederan.

Innovative Beherbergung - unter diesem Titel steht der Plan, den Gosbert Amrhein für den Oederaner Bahnhof hat. Der Alterfil- Geschäftsführer hat das denkmalgeschützte, leerstehende Gebäude erworben, um es als Unterkunft für Touristen einer neuen Nutzung zuzuführen. Wenn alles nach Plan läuft, sollen 2020 die ersten Gäste an der Bahnhofstraße übernachten, kündigt er an. Die derzeit geplanten acht Ferienwohnungen, davon zwei behindertengerecht, sollen thematisch nach Ausflugszielen im Erzgebirge gestaltet werden. Nicht nur das: In Schulungsräumen sollen die Gäste in Workshops traditionelle Handwerkstechniken lernen und ihren Hobbys nachgehen können. Da das Projekt in die Entwicklungsstrategie für die Region Flöha- und Zschopautal passt, wird es mit Leader-Fördermitteln unterstützt. Wie viel er investieren muss, kann Amrhein noch nicht sagen. Bis zur Einweihung gilt es zunächst, sich den Herausforderungen zu stellen, die das ungewöhnliche Haus, dessen etwa 150-jährige Geschichte und die Lage mit sich bringen.

Herausforderung Leerstand: Besprühte Wände und Fenster sowie beschädigte Kachelöfen zeugen davon, dass vereinzelt Unbefugte die mindestens zwei Jahrzehnte Leerstand genutzt haben, um ins Gebäude einzudringen. Die Fenster, die vermutlich in den 1990er-Jahren eingebaut wurden, sind indes weitgehend intakt. Zeichen des Verfalls, wie abblätternde Wandfarbe und herunterhängende Deckenplatten, sind inzwischen weitgehend entfernt; eine Fachfirma hat den Hausschwamm bekämpft. Einen herben Verlust musste der neue Besitzer allerdings hinnehmen: "Die große Uhr ist geklaut worden, als mir der Bahnhof schon gehört hat", erzählt Amrhein. "Sie war einfach eines Tages weg." Das sei bislang die schlechteste Überraschung gewesen.


Herausforderung Modernisierung: "Von der Elektrik über die Heizung bis zu den Wasseranschlüssen: Alles muss neugemacht werden", sagt Amrhein. Bis zu seiner letztmaligen Nutzung war das Gebäude beispielsweise nicht ans Kanalnetz angeschlossen. Die Plumpsklos auf allen Etagen und die massiven Rohre, die sie mit der Abwassergrube im Keller verbinden, sind noch da - aber sie werden nicht mehr gebraucht. Der Anschluss an den Kanal unter der Bahnhofstraße hindurch ist schon erfolgt. Geheizt wurde früher unter anderem mit den Kachelöfen, die in verschiedenen Farben noch in vielen Zimmern stehen. Amrhein will versuchen, einige zu erhalten - zusätzlich. Eine Prüfung habe jedoch ergeben, dass alle Schornsteine kaputt seien. Bei allen Baumaßnahmen müssten zudem Schall-, Brand- und Denkmalschutzbestimmungen berücksichtigt werden. "Aber das geschieht ja auch im eigenen Interesse", sagt der Besitzer.

Herausforderung Bahngleise: Die vorbeifahrenden Züge merkt man kaum, sagt Amrhein: "Die Pflasterstraße ist lauter." Dennoch machen die nahen Bahngleise die Sanierung von Dach und Fassade aufwendiger. Für jegliche Arbeiten an der Rückseite muss sich der Bauherr mit der Bahn abstimmen. Denn die muss nachts, wenn keine Züge fahren, die Oberspannungsleitung abschalten, damit zum Beispiel die Gerüste aufgebaut werden können. Die werden unter anderem gebraucht, um im Mittelbau das Dach zu decken, weil es reingeregnet hat.

Herausforderung Fußböden: Eigentlich hatte Gosbert Amrhein gehofft, die Holzdielen erhalten zu können. Doch unter den "tausend Bodenbelägen" kam nicht immer etwas hervor, was brauchbar ist: "Die Dielen waren verworfen und stark abgenutzt", schildert er, "und wo Waschbecken waren, sind auch die Balkenköpfe beschädigt." Zumindest im Erdgeschoss müssten die Dielen deshalb allesamt raus. In den oberen Stockwerken sieht es aber so aus, als könnten sie abgeschliffen und weiter verwendet werden.

Herausforderung Überraschungen: Wer ein altes Haus erwirbt, weiß nie, was ihn erwartet. Im Bahnhof gehören zu den Kuriositäten Ofenrohre, die quer durch den Raum zum Schornstein führen. Ein Dachbodenabteil mit Oberboden auf der gleichen Ebene wie Wohnräume. Parkett, das auf Dielen genagelt wurde. Und eine Bierleitung, die vom Gewölbekeller hinauf in die ehemalige Gaststätte führt. Durchreiche und Lampen mit Bierwerbung künden von der Vergangenheit des Saals und der angrenzenden Speisezimmer im Erdgeschoss. Diese Räume sollen künftig für Kurse und Meetings genutzt werden.

Herausforderung Konkurrenz: Das Vorhaben war bereits 2018 Thema im Bauausschuss, der dem Bauantrag zustimmte. Da der Bahnhof nicht mehr gebraucht wird, zeigte sich die Stadt froh über die Nachnutzung. Die Wettbewerbssituation war aber auch Thema: In Oederan gibt es bereits 18 Ferienwohnungen, lautete ein Hinweis. Doch Amrhein will den Fokus auf die Kurse legen, überregional Gäste anlocken und auf Synergieeffekte mit vorhandenen Angeboten setzen, die somit zusätzlich vermarktet würden. "Ein Geben und Nehmen", sagt er. Angebote für Gruppen seien zudem rar. Warum er sich das alles antut? "Weil es eine spannende Herausforderung ist", sagt Gosbert Amrhein.

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