Zettelwirtschaft oder Bon to go

Zwischen Humor und Resignation - so reagieren Händler und Kunden in Flöha und Umgebung auf die Bonpflicht. Sie gilt seit Jahresbeginn, und es gibt für sie übrigens eine logische Erklärung.

Flöha/Oederan.

Es gibt nur zwei Sorten von Kunden. Die, die nie einen Kassenzettel einstecken - nach dem Motto: "Mir gibt's ja eh keiner wieder." Und die, die später abrechnen, auf Arbeit oder im Haushaltsbuch. Für diese wenigen - Bäckermeister Ralf Forberger aus Falkenau schätzt 5 von 100 - hat sich der Alltag seit zwei Wochen ein bisschen erleichtert. Seitdem gilt in Deutschland die Bonausgabepflicht. Wie Kunden und Händler damit umgehen, hat "Freie Presse" nachgefragt.

Kunden bewahren Humor: "Lassen Sie den Müll gleich hier", hat Verkäuferin Nicole Bäßler von ihren Kunden in der Landbäckerei Forberger schon gehört. Sie sagt: "Die meisten nehmen es mit Humor." Wer wollte, konnte auch vorher einen Beleg bekommen, jetzt wandern Zettel nach Zettel in den Eimer unter der Kasse.

"Die Kunden schmunzeln nur, sie wissen ja von dem Gesetz", so Carola Walthelm, Seniorchefin der gleichnamigen Flöhaer Bäckerei. "Schicken sie ihn ans Finanzamt", wurde Manuela Thiel einmal aufgefordert. Dabei ist die Bonausgabe bei Richter Fleischwaren aus Oederan schon länger üblich. "Ich muss die Kunden jetzt darauf hinweisen, aber die meisten lassen ihn liegen", so die Fachberaterin der Flöhaer Filiale.

Doppelt gemoppelt oder nicht: Für Unverständnis sorgt, wie durch den Bon Steuerbetrug verhindert werden soll. "Jeder Beleg wird in der Kasse registriert, egal ob er ausgedruckt wird", sagt Carola Walthelm. "Die Kasse lässt sich nicht manipulieren", sagt Nicole Bäßler. Auch bei der Bäckerei Adler in Oederan wurden die Registrierkassen schon länger entsprechend umgerüstet. Das Finanzamt könne die Daten auslesen, so Verkäuferin Kerstin Langheinrich.

"Das ist grundsätzlich richtig", sagt Anja Müller, Vertreterin der Amtsleitung im Freiberger Finanzamt. Registrierte Umsätze seien vor Manipulation sicher. Durch die Belegausgabe sei aber sichergestellt, dass überhaupt eine Eingabe ins Kassensystem erfolgt sei. "So weiß auch der Kunde, ob sein Einkauf eingebont wurde", erklärt sie weiter. Man wolle ausschließen, dass ein Vorgang vergessen oder absichtlich nicht erfasst wird.

Die Bäcker als Steuersünder: "Das Schlimmste ist, dass wir Bäcker hervorgehoben werden, trotz der geringen Preise", sagt Carola Walthelm. Und auch Ralf Forberger sagt: "Wir werden als Verbrecher hingestellt, obwohl keine Mauschelei möglich ist." Die Regelung sei ja nicht für die Rechtschaffenen, so Anja Müller. Auch Fleischer, Eisdielen und Imbisstheken und viele andere Läden gehören zu den Geschäften, wo ein Bon bisher unüblich war - aufgrund der kleinen Beträge.

Der Nachteil für die Ehrlichen: Das zusätzliche Papier kostet. Wo vorher eine Rolle Thermopapier für einen Monat gereicht hat, ist es jetzt bloß ein Tag - so bei der Bäckerei Adler in Oederan und der Landbäckerei in Falkenau. Ralf Forberger rechnet mit 300 Euro zusätzlich im Jahr. Auf manche kommt bis Ende 2020 auch noch eine Umrüstung der Kassen zu, so Walthelm. Zudem sehen alle den Papierverbrauch: Das Wort Verschwendung fällt oft.

Dort gehört der Bon hin: Auch wenn es viele scherzhaft fordern - nicht ins Finanzamt. "Es ist noch nichts mit der Post gekommen", so Anja Müller. Und da die Daten in den Kassen hinterlegt sind, seien die Belege auch nicht fürs Finanzamt aufzuheben. Das dürfte für die hiesige Filiale einer Bäckerei, die nicht aus Mittelsachsen stammt, interessant sein. Dort lagert man derzeit alle Bons in Kartons, wenn sie die Kunden nicht mitnehmen, so eine Angestellte. Laut Finanzamt sind auch die Kunden nicht verpflichtet, die Bons einzustecken. Es bleibt also oft nur der Müll. Und zwar der Restmüll, nicht das Altpapier.

Das Finanzministerium betont, dass die Quittung auch per Mail auf das Handy ausgegeben werden kann. Und es soll Apps geben, die Belege digital übertragen könnten, heißt es.

Die gute Tat: Wer sich nun über den zusätzlichen Abfall ärgert, kann an anderer Stelle für Ausgleich sorgen. Brot und Brötchen lassen sich auch im Stoffbeutel transportieren - das spart Papier- und Plastiktüten. Müll, der sonst nicht bei den Bäckern, aber zuhause anfällt.

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    sachsenjunge
    17.01.2020

    Ich bin zwar jetzt auch nicht unbedingt Freund von dieser neuen Zettelwirtschaft, vor allem eben wegen des zusätzlich anfallenden Mülls. Das aber keine Mauschelei möglich sei, halte ich aber für eine ziemlich gewagte Aussage seitens der guten Frau Walthelm. Ich gehe zwar davon aus, dass der Spielraum z.B. bei Eisdielen oder beim Schnellimbiss größer ist, aber auch mit etwas Kreativität gäbe es auch beim Bäcker die ein oder andere Möglichkeit.

    Ich gehe aber mal davon aus, wenn sich dann alle Beteiligten ein paar Wochen aufgeregt haben, wird das Ganze dann langsam zur Normalität und keiner wird mehr darüber sprechen.

  • 5
    2
    fnor
    17.01.2020

    "Das Schlimmste ist, dass wir Bäcker hervorgehoben werden." Eigentlich sind es doch die Bäcker, die besonders laut schimpfen und sich selbst hervorheben. Keine andere Branche meckert so laut. Da kann man sich seinen Teil dabei denken. Glaubt man der Schätzung, dass 6 Mrd. EUR pro Jahr zusätzlich an Mehrwertsteuer eingenommen werden sollen, dann sind das grob 100 EUR pro Bürger. Also gehen pro Person jedes Jahr Einkäufe mit mind. 600 EUR Wert an der Kasse vorbei. Wenn die Bonpflicht das ändert, ist sie durchaus sinnvoll.



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