Zu laut, zu eng und trotzdem täglich

Sporthallenneubau: Kein anderes Projekt erhitzt in Niederwiesa so sehr die Gemüter - und das seit mehr als zehn Jahren. Die Empfehlung - Gemeinderäte sollten sich den Sportunterricht in der alten Halle ansehen, so wie die "Freie Presse".

Niederwiesa.

Es wird eng. Absolut eng. Die Reihe der Achter zieht sich über die gesamte Länge der Sporthalle. "Antreten in einer Linie!" kann bei mehr als 50 Schülern nicht mehr funktionieren. Sportlehrer Bernd Lormis, der stellvertretende Leiter der Oberschule Niederwiesa, demonstriert, was seit Beginn des neuen Schuljahres nicht mehr erlaubt ist: die Doppelbelegung der Sporthalle. Diese Entscheidung fällte der zuständige Arbeitssicherheitsexperte. Bernd Lormis verlässt deshalb an diesem Vormittag - draußen ist es noch mild - mit den Mädchen sofort die Halle, während sein Kollege Tobias Gutermuth den Jungen den Plan für die Doppelstunde Sport erläutert.

Die Regeln sind allen klar. Um Ausdauer, Athletik und Sprungkraft noch vor der dunklen Jahreszeit zu trainieren, muss man laufen. Der Hallenboden bebt unter den Füßen der Schüler. Schon bei der leichten Erwärmung. Der Lautstärkepegel - eines der größten und immer wieder angemahnten Probleme in der Sporthalle - steigt. Mit lauter Stimme hält Tobias Gutermuth dagegen. Er dirigiert die Jungen so, dass die Unfallgefahr minimiert ist.

Auch sonst haben die vier Sportlehrer (eine Kollegin befindet sich im Babyjahr) scheinbar alles bestens Griff. In Niederwiesa tragen durchweg alle Schüler Sportshirts, das es in den Farben Blau, Grün, Orange und Rot gibt. "Damit verhindern wir Streit - beim Thema Lieblings- Fußballklub zum Beispiel", erklärt Bernd Lormis. Und nebenbei macht das bunte Gewusel auch optisch was her. Zweite Regel: Greift der Lehrer zur Trillerpfeife und pfeift, ist sofort Ruhe. Nur so kann er klare Ansagen machen. Sind zwei Pfiffe nötig, wird es ernst. Bei drei Pfiffen weiß der, dem sie gelten, dass er die Halle sofort zu verlassen hat - ohne wenn und aber. "Sonst wäre das hier nicht auszuhalten", erklären die Pädagogen übereinstimmend.

Vorab: Drei Pfiffe sind an diesem Vormittag kein einziges Mal nötig. Auch nicht bei den quirligen Fünftklässlern, deren Doppelstunde Sport sich später anschließt. Die Mädchen und Jungen genießen die Chance, sich zu bewegen - auch diejenigen, für die Sport nicht unbedingt das Lieblingsfach ist. Schnell wird klar: In der gemeinsamen Suche nach dem Sprungbein oder dem Kampf gegen den inneren Schweinehund, steckt viel Vorbereitungsarbeit der Pädagogen. Sie leben für den Sport und die Arbeit mit den Kindern, stimmen ihre Unterrichtspläne bis ins Detail ab, um sich so nicht in die Quere zu kommen. Eines ist mehr als deutlich: Hier bemühen sich seit Jahren Pädagogen, das Beste aus der Situation zum machen.

Die Situation ist schwierig. Dass die Bedingungen in der Sporthalle, Baujahr 1928, so nicht mehr tragbar sind, steht außer Frage. Trotzdem Stagnation. Nach der Grundsatzentscheidung des Gemeinderates, nicht zu sanieren, sondern auf dem Hartplatz hinter der Schule eine Zwei-Felder-Halle zu bauen, sind drei Jahre vergangen. Schulleiterin Katrin Fischer ist seit Jahren Dauergast in Gemeinderatssitzungen. Sie kämpft. "Unser Grundproblem hier kann nur eine größere Halle lösen", sagt sie. Sie zählt neben der unangenehmen Akustik viel zu schmale Gänge und die niedrige Durchgangshöhe. Weil der Geräteraum zu klein ist, stehen Bänke und Tore in der Halle, weitere Geräte auf der Bühne.

Auch zur jüngsten Ratssitzung hatten sich die Pädagogen wieder zu Wort gemeldet und forderten eine Entscheidung. Dass das Thema Sporthallenneubau wenige Wochen vor der Bürgermeisterwahl zum Wahlkampfthema Nummer eins avanciert, wird dort nicht einmal mehr hinter vorgehaltener Hand erklärt. Immer, und immer wieder. Das ehrgeizige 4,3-Millionen-Euro-Projekt wäre nicht nur Niederwiesas größte Investition - es polarisiert.

Davon spüren die Grund- und Oberschüler im Unterricht nichts. Erstaunlich ruhig ist es auch bei den Eltern, wie Elternsprecher Andreas Giehl am Telefon bestätigt. Beim Elternabend werde schon mal nachgefragt, mehr aber nicht. Aktuell werden an der Oberschule Niederwiesa 341 Schüler von 27 Pädagogen und zwei Gastlehrern unterrichtet. Laut Schulleiterin Katrin Fischer komme der Großteil der Schüler aus Niederwiesa, Lichtenwalde, Braunsdorf und Euba. Integrativkinder würden auch die Anfahrt aus Augustusburg und Chemnitz in Kauf nehmen - aktuell zähle man 22.

"Das ist der schönste Beruf der Welt", sagt Sebastian Kisser, als er mit seinen 22 neuen Kindern - wie er sie liebevoll nennt -, den Sportunterricht beginnt. Unter seinen Fünfern sind vier Integrativkinder, deshalb wird er an diesem Tag von Schulbegleiterin Steffi Fehle sowie Tobias Gutermuth unterstützt. Die Stimmung bei den Kindern ist ausgezeichnet. Der permanent hohe Geräuschpegel dagegen belastet. Sie würden sich schon Sorgen darüber machen, wie sie nach dem Verbot der Doppelbelegung der Halle den Sportunterricht händeln, so die drei Pädagogen. Schon zur Sitzung des Gemeinderates hatten sie angekündigt, dass es Einschränkungen beim aktiven Sport geben, zum Teil im Klassenzimmer stattfinden wird.

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