142 Einwohner, zwei davon in der Feuerwehr

Brand-Erbisdorfs Stadtteil Gränitz bangt um den Fortbestand seiner Retter. Der OB richtet Appelle an die Einwohner. Kein Einzelfall in Mittelsachsen.

Gränitz.

Würde es derzeit in Gränitz brennen, dann würde es vom Erklingen der Sirene bis zum Eintreffen der Kameraden aus der nächstgelegenen Feuerwehr in Langenau mindestens 16 bis 17 Minuten dauern. Um Menschenleben zu retten, so die nüchterne Analyse von Stadtwehrleiter Nico Geißler, wäre das viel zu viel Zeit. "Chancenlos", fasst er zusammen. Zielstellung seien im Allgemeinen maximal neun Minuten bis zum Erreichen des Brandortes.

So idyllisch der kleine Ortsteil von Brand-Erbisdorf ist -passieren darf hier nichts. Bei einem Häuserbrand wäre praktisch niemand da, der schnell genug helfen könnte. Von 142 Einwohnern sind gerade einmal zweieinhalb in der Feuerwehr. Die halbe Stelle erklärt sich daraus, dass eine Kameradin gleichzeitig in der Langenauer Wehr ihren Dienst verrichtet. Damit eine Feuerwehr überhaupt einsatzbereit ist,müssten mindestens sechs Kameraden Dienst tun. "Und das wäre schon die allerunterste Grenze", sagt Stadtwehrleiter Geißler. "Normstärke ist eigentlich die doppelte Besatzung, also 12 Leute."

Die Gründe für den Mitgliederschwund sind vielfältig. Sie kamen bei zwei Einwohnerversammlungen im Gränitzer Gerätehaus in dieser Woche zur Sprache. Mancher Anwesende vermutete, dass es interne Querelen seien, die dazu führten, dass Kameraden austraten. Doch ist das nicht der Hauptgrund, wie Geißler betont. "Es ist vielmehr ein Generationswechsel, der nicht funktioniert hat." Auch konnten jüngere Mitglieder aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter mitmachen. Die Probleme, die es intern gab, wolle er zwar nicht verschweigen. Doch könne man daran allein nicht die Misere festmachen. Hinzu komme die Fluktuation. Ein junger Mann, während der Versammlung darauf angesprochen, ob er nicht bei der Feuerwehr mitmachen wolle, sagte, dass er das gerne tun würde, aber er ziehe noch im Laufe des Jahres nach Freiberg.

Allein steht Gränitz in Mittelsachsen mit seinem Problem nicht. "Schon vor etwa zehn Jahren hatten wir die Situation mit der Freiwilligen Feuerwehr Braunsdorf", erinnert sich Kreisbrandmeister Gerald Nepp. "Da wurden die wenigen Mitglieder an Niederwiesa angegliedert." Auch bezogen auf die Tageseinsatzbreitschaft gebe es in kleineren Feuerwehren Probleme. Viele Mitglieder seien meist aus beruflichen Gründen tagsüber nicht in ihren Heimatorten anzutreffen. Die Hilfe durch benachbarte Wehren sei zwar gewährleistet, doch sei ein schleichender Prozess auf den Dörfern zu beobachten, der mit dem demografischen Wandel zusammenhänge. "Die Zeiten, als man mit 20Mann zum Einsatz fuhr, sind in vielen Fällen leider nur noch Erinnerungen älterer Kameraden", bedauert der Kreisbrandmeister.

Der Ernst der Lage in Gränitz ist auch Oberbürgermeister Martin Antonow (parteilos) bewusst. Er wolle dazu ermutigen, dass wieder mehr Einwohner zwischen 16 und 55 Jahren in die Wehr eintreten. Sollte das nicht gelingen, gäbe es nur drei unschöne Szenarien. Das erste wäre die ersatzlose Auflösung der Gränitzer Wehr, das zweite ein vollständiges Zusammengehen mit der Freiwilligen Feuerwehr Langenau, was im Ergebnis ebenfalls eine Auflösung wäre. Und das dritte wäre die zwangsweise Verpflichtung von Mitgliedern. Dazu hat Kreisbrandmeister Nepp eine klare Meinung: "Das bringt nichts. Ich habe schon früher erlebt, dass von 30 Verpflichteten lediglich zwei bei einem Einsatz auftauchten."

Ob die Appelle an die Gränitzer, von denen laut Stadtverwaltung rund 65 vom Alter her in die Wehr eintreten könnten, Früchte tragen, bleibt abzuwarten. "Bis Ende des Jahres müssen wir aber Klarheit haben", so OB Antonow: "Die Einwohner sind jetzt im Zugzwang, sich selbst zu helfen."

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