16 Verhaftungen am Freiberger Bahnhof

Herbst 89: Die Nacht vom 4. zum 5. Oktober vor 30 Jahren bleibt vielen Freibergern in Erinnerung. Dem Wendeherbst in der Region widmet die "Freie Presse" eine Serie.

Freiberg.

Die Ersten kamen nach sechs Tagen frei, eine Person saß zwei Monate später noch im Gefängnis: In der Nacht vom 4. zum 5. Oktober 1989 hatte die Volkspolizei oder "VP", wie sie damals hieß, am Freiberger Bahnhof 16 Personen inhaftiert. Das geht aus dem Bericht des Kreisstaatsanwalts an den damaligen Kreistag hervor, den die "Freie Presse" am 9. Dezember 1989 veröffentlichte (siehe Faksimile). "Die Bürger hatten Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber der Volkspolizei vorgenommen sowie mit Gegenständen nach Volkspolizisten geworfen", hieß es zur Begründung.

Das Gerücht, dass die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag - Tausende DDR-Bürger hatten im 1989 in der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in dem Nachbarland Zuflucht gesucht - auch durch Freiberg rollen sollten, hatte Hunderte Menschen zum Bahnhof gelockt. Viele waren nur aus reiner Neugier da. Als sich die Menschenmenge nach Stunden fast schon aufgelöst hatte, räumte die Volkspolizei brutal den Bahnhofsvorplatz. Augenzeugen berichteten später von Verletzungen durch Schlagstöcke und Hunde.

"Gegenwärtig liegen mir vier Anzeigen über Befugnisüberschreitungen von Angehörigen der Schutz- und Sicherheitsorgane vor", berichtete der Staatsanwalt vor 30 Jahren dem Kreistag. Ein Amnestierter habe glaubhaft angegeben, in der Untersuchungshaft mindestens zwei Schläge mit einem Schlagstock auf das Gesäß bekommen zu haben - "zur Beschleunigung seiner Gangart". Zwei weitere Bürger hätten angegeben, "im Zusammenhang mit der Zuführung vom Bahnhof nach Weißenborn beziehungsweise mit der Räumung des Bahnhofes von VP-Angehörigen ... roh und gewaltsam behandelt worden zu sein." Der blauen Uniform nach müsse es sich um Kräfte der Transportpolizei oder des Strafvollzugs gehandelt haben.

Weiter hieß es: "Schließlich lag noch eine Anzeige eines unbeteiligten Bürgers vor, der im Zusammenhang mit der Räumung des Bahnsteiges 1 von der Transportpolizei gedrängt und gestoßen wurde, dadurch ins Straucheln geriet und sich Verletzungen zuzog." Der Arzt sei zwei Tage arbeitsunfähig gewesen: "Der Leiter der Transportpolizei hat sich in einer persönlichen Aussprache in aller Form beim Geschädigten entschuldigt."

Zu DDR-Zeiten gehörte Mut dazu, Anzeige gegen Polizisten zu erstatten. Mit vermeintlichen "Staatsfeinden" wurde nicht zimperlich umgegangen. Die 16 Haftbefehle vom Freiberger Bahnhof waren mit den Straftatbeständen "Rowdytum" und "Beleidigung" begründet worden. Sechs der Beschuldigten waren laut Kreisstaatsanwalt nach sechs bis zwölf Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Auch nach dem Amnestiebeschluss des Staatsrates vom 27. Oktober 1989 dauerte es noch bis zum 13. November, bis weitere acht Betroffene aus der Untersuchungshaft entlassen waren. Dabei hatte das DDR-Führungsgremium eine Drei-Tages-Frist für die Freilassung inhaftierter "Republikflüchtlinge" und bei nicht genehmigten Demonstrationen festgenommener Personen verfügt. "Ein zum Amnestiezeitpunkt bereits rechtskräftig Verurteilter bekam Strafaussetzung auf Bewährung. Er ist seit dem 27. November 1989 wieder auf freiem Fuß", berichtete der Staatsanwalt. Bis auf eine Person, die weitere Straftaten begangen habe, seien somit alle im Zusammenhang mit dem 4./5.Oktober inhaftierten Personen aus der Haft entlassen worden.

Zugleich betonte die Staatsanwaltschaft vor dem damaligen Kreistag, dass alle Verfahren rechtmäßig eingeleitet worden seien. Keine der getroffenen juristischen Entscheidungen habe sich gegen Buchstaben und Geist des zum Tatzeitpunkt gültigen Gesetzes gerichtet. "Die ereignisursächlichen politischen Konflikte konnte und kann das Strafrecht nicht lösen", stellte der Staatsanwalt seinerzeit fest.


Leser schildern Erinnerungen

Kennen Sie jemanden, der zur Wendezeit aktiv war? Und wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Schreiben Sie bitte an die Redaktion der "Freien Presse" in 09599 Freiberg, Kirchgäßchen 1 oder per Email an red.freiberg@freiepresse.de. Oder rufen Sie an: 03731 376 14141.

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