Abschied aus Mittelsachsen: In Kleinvoigtsberg geht eine Ära zu Ende

Monika und Rainer Hageni haben das kulturelle Leben in Kleinvoigtsberg maßgeblich geprägt. Jetzt aber schlagen sie ein neues Kapitel ihrer Biografie auf. Sie ziehen nach Berlin. Und das hat seine Gründe.

Kleinvoigtsberg.

Von Kleinvoigtsberg nach Berlin. Monika und Rainer Hageni ziehen nächste Woche in die Bundeshauptstadt um. Deshalb findet am Dienstag, 19 Uhr in der Reichenbacher Kirche ein Konzert zu ihrer Verabschiedung statt. Dr. Wolfgang Gramer, der ehemalige Pfarrer der katholischen Partnergemeinde in Gemmrigheim in Baden-Württemberg, wird an der Orgel spielen. Der Erlös soll der Sanierung der Langhennersdorfer Kirche zugute kommen, wo Rainer Hageni viele Jahre lang als Pfarrer tätig war. Den Hof in Kleinvoigtsberg übernimmt ein junges Paar aus Radeberg.

Zum Gespräch mit "Freie Presse" an einem sonnigen Vormittag sitzen die Eheleute im Schatten auf der Bank vor ihrem Haus. Beide betonen, dass sie froh über die Entscheidung sind. "Wir freuen uns, bald bei unseren beiden Söhnen Gabriel und Philipp und den drei Enkelkindern zu sein", sagt Monika Hageni. Ihr neues Zuhause ist im ländlich geprägten Blankenfelde am Nordrand von Pankow, wo Gabriel Hageni eine ehemalige Bäckerei ausgebaut hat. "Wir schauen dort auf die alte Dorfkirche", sagt Rainer Hageni und zückt eine Postkarte mit einer Skizze der Ortsansicht. Seine Frau sagt: "Der Radweg nach Pankow ist nur einen Katzensprung entfernt. Und alle 15 Minuten fährt ein Bus."

1997 kauften die Hagenis den verwaisten Gasthof in Kleinvoigtsberg ("Es war eine Ruine.") und sanierten ihn gemeinsam mit ihrem älteren Sohn Gabriel. Stolz ist Rainer Hageni auf die Remise, die aus alten Baumaterialien entstand. Der Umzug 2002 aus der Pfarrwohnung in Oederan nach Kleinvoigtsberg war ein neuer Lebensabschnitt: Rainer Hageni ging zugleich in den Vorruhestand. Er, aufgewachsen in Meißen und gelernter Landwirt, war ab 1973 als Vikar und Pfarrer tätig - erst in der Freiberger Petrikirche, ab 1975 in Langhennersdorf, ab 1993 in der russischen Stadt Gussew, ab 1994 in Oederan. Sie, aus Conradsdorf stammend und studierte Metallkundlerin, arbeitete bis zur Wende in der Werkstoffforschung im Bergbau- und Hüttenkombinat "Albert Funk" Freiberg und war dann Leiterin des Amtes für Soziales und Gleichstellung in Freiberg - bis 2010.

Monika Hagenis Blick schweift über das liebevoll gestaltete Grundstück. Dann sagt sie: "Unsere Kräfte lassen nach, wir schaffen es einfach nicht mehr." Rainer Hagenis Herz ist schwach, und er kann kaum noch etwas sehen. Dem 75-Jährigen fällt die körperliche Arbeit schwer, und seine 72-jährige Frau hat Knieprobleme. Beide sind erleichtert, dass sie den Schritt nach Berlin jetzt machen - und nicht erst, wenn sie gar nicht mehr können. Monika Hageni denkt kurz nach und sagt dann: "Der Abschied aus Langhennersdorf ist mir damals schwerer gefallen."

Die Hagenis haben auf ihrem Grundstück alte Grabsteine gesammelt. Die wertvollsten werden die Söhne nach Berlin holen, ebenso wie beispielsweise die Möbel. Die Umzugskisten stehen schon im früheren Saal, wo einst Kulturveranstaltungen stattfanden. Sohn Gabriel betreibt übrigens das Programmkino Krokodil, in Trägerschaft des Kulturhof-Vereins. Sohn Philipp ist als Reporter im Sat-1-Frühstücksfernsehen zu erleben.

Noch immer beweist Rainer Hageni Sinn für Humor. Über einem verwitterten Grabmal hängt das Händedruck-Symbol, das einst am Freiberger Haus der Gewerkschaften an den Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED 1946 erinnerte. Und an der anderen Seite des Seils hängt - zunächst nicht sichtbar - ein Haken. "Es soll daran erinnern, dass jedes Denkmal einen Haken hat." Als er das sagt, löst sich der Haken. Er will ihn wieder festknüpfen, aber dafür braucht er mehrere Anläufe. "Die Fingerfertigkeit lässt nach. Das ist für mich eine ganz und gar unangenehme Erscheinung."

Rückblick: 16 Jahre lang war der Kulturhof Kleinvoigtsberg von Monika und Rainer Hageni eine feste Institution gewesen. An die 100 Veranstaltungen fanden in dem einstigen Dorfgasthof statt: Konzerte, Lesungen, Vorträge, Aktionen. Beim ersten Konzert am 3. November 2002 wirkten die Leipziger Sopranistin Maria Fleischhauer, Tenor Frank Unger, heute am Mittelsächsischen Theater, und der frühere Kantor und "Operettenkönig von Sachsen" Gotthold Müller mit. Es folgten Konzerte, am Schluss mit Klarinettistin Anja Bachmann und Mezzosopranistin Barbora Fritscher vom Mittelsächsischen Theater. Es gab Ausstellungen mit Arbeiten des Freiberger Künstlers Volker Benedix, eine Schau zum Siebenlehner Landschaftsmaler Otto Altenkirch (1875-1945), Kunstaktionen im Garten sowie Pantomime mit Siegmar Cholet - Rainer Hageni beteiligte sich über 50 Jahre lang am Programm des Freiberger Pantomime-Theaters "Nische". Ende 2018 fand die letzte Veranstaltung statt.

In der Region werden Hagenis fehlen. Das sagt Bürgermeister Volkmar Schreiter: "Das Ehepaar hat durch die Wiederbelebung des ehemaligen Gasthofes in Kleinvoigtsberg mit dem Kulturhofverein das kulturelle Leben in unserem Gebiet mehr als bereichert. Die Veranstaltungen haben viele Menschen, auch aus anderen Regionen, zusammengeführt und verbunden." Rainer Hageni habe mit viel Wissen, stets gepaart auch mit humoristischem Augenzwinkern und gemeinsam mit seiner Frau Monika als "gute Seele des Hauses" für viele unvergessliche Stunden gesorgt. Zudem seien die "Osteuropa-Reisen" unter Leitung des Ehepaars Hageni legendär gewesen. Schreiter: "Nun bleibt uns nur noch, neben einem herzlichem Dankeschön dem Ehepaar Hageni alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg und im Kreise seiner Kinder und Enkel zu wünschen."

Zum Abschied deutet Rainer Hageni auf die Wiese hinterm Haus: "Hier werden einmal Ponys weiden." Das junge Paar, das den Hof gekauft hat, werde auf dem Grundstück eine Weide anlegen. Monika Hageni sagt: "Unsere Freunde werden uns sicher fehlen." Einen neuen Chor will sie sich in der neuen Heimat, bislang war sie im Chor der Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft, suchen. Sie lächelt, als sie sagt: "Wir freuen uns auf unsere Familie und wissen auch, dass wir durch die Kirchgemeinde gleich Anschluss haben."

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