Auch Halsbrücker Firma betroffen: EU lässt Galvanikbranche zappeln

Händeringend wartet die Saxonia Galvanik auf die weitere Zulassung von Chromtrioxid. Eine Empfehlung liegt längst vor. Im Produktions- prozess gibt es für den Stoff keine Alternative. Jetzt will die Bundes- regierung helfen.

Halsbrücke.

Im Ringen um die weitere Zulassung von Chromtrioxid will nun die Bundesregierung den Kunststoff-Galvanik-Unternehmen beistehen. Das hat Oliver Wittke, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, bei einem Besuch bei der Halsbrücker Firma Saxonia Galvanik zugesagt. Das Unternehmen, das gut 450 Personen an den Standorten in Halsbrücke, Freiberg, Hainichen und Nossen beschäftigt, ist von einer bizarr anmutenden Verzögerung einer Entscheidung betroffen, die die Auftragslage einer ganzen Branche gefährdet. Vor einem Jahr hatte bereits Sachsens damaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) seine Hilfe zugesagt. Bewirkt hat das bislang nichts. Stefan Tilke, Geschäftsführer der Saxonia Galvanik, spricht davon, dass die EU eine "Industrieverlagerungspolitik" betreibe.

Die Saxonia Galvanik veredelt Kunststoff-Teile mit Chromüberzug. Beispielsweise im Automobilbau. Das sieht nicht nur gut aus, sondern spart erstens Gewicht und damit CO2-Emissionen und ist zweitens langlebiger und damit ressourcenfreundlich. Das fragliche Chromtrioxid, auch Chrom VI genannt, ist für die Verchromung von Kunststoff unabdingbar. Vereinfacht ausgedrückt, bereitet es durch seine ätzende Wirkung die Oberflächen der Kunststoffteile vor, die verchromt werden.

Aber der Stoff gilt als gefährlich und gesundheitsschädlich. Andererseits, sagt Tilke, gelten für Mitarbeiter, die in den fraglichen Abteilungen arbeiten, strenge Sicherheitsvorkehrungen. Deren Einhaltung wird überprüft. So tragen ausgewählte Mitarbeiter Messgeräte direkt am Körper, die die Dosen etwa von Chromtrioxid in der Atemluft erfassen können. Auch Blutuntersuchungen gibt es regelmäßig, erklärt Tilke. Der Produktionsprozess verlaufe so präzise und sei gut unter Kontrolle, dass sich die Stoffmengen unter dem messbaren Level bewegten, versichert der Geschäftsführer. Und da das Chrom VI im Laufe der Galvanisierung umgewandelt werde, falle auch kein giftiger Abfall an.

Dennoch: Die Zulassung solch heikler Substanzen wie von Chromtrioxid verknüpft die EU mit einer 2006 ergangenen Richtlinie an harte Bedingungen. Wer weiter mit Chrom VI arbeiten wollte, musste bis September 2017 nachweisen, dass es für diese Substanz keine Alternativen gibt. Um diesen Nachweis kümmerte sich der Fachverband Galvanisierte Kunststoffe, kurz FGK. Stefan Tilke breitet die Arme aus, um zu demonstrieren, wie viele Aktenordner mit Gutachten, Expertisen, Versuchsreihen dafür notwendig waren.

Am 17. März 2017, also vor fast 18 Monaten, folgte die Europäische Chemikalienagentur in Helsinki der Argumentation und empfahl der Europäischen Kommission, das Chromtrioxid im Automobilzuliefererbereich für weitere zwölf Jahre zuzulassen. Allein die Begründung umfasste 54 Seiten. Bislang folgte die formal zuständige Europäische Kommission den Empfehlungen der Agentur stets. Aber hat bis heute in dieser Sache nichts entschieden - obwohl, wie Tilke sagt, alle Anträge der Unternehmen fristgerecht und vollständig abgegeben wurden und alle Beurteilungen abgeschlossen sind.

Die Hängepartie freut insbesondere die außereuropäische Zulieferer-Konkurrenz. Denn seit September 2017 darf nur noch mit Chromtrioxid arbeiten, wer rechtzeitig den Antrag auf weitere Zulassung eingereicht hat. So macht sich Unsicherheit breit. Wer garantiert den Automobilbauern, dass sie auch 2021 oder 2022 verchromte Kunststoff-Elemente bei ihren europäischen Zulieferern beziehen können? Und so wandern Aufträge von europäischen Automotiv-Firmen etwa nach China ab.

Die außereuropäische Konkurrenz streut auch gezielt Gerüchte, um die Unsicherheit noch zu erhöhen, schätzt Tilke ein. Betroffen sind zigtausende Menschen, sagte er. Allein die 7000 Mitarbeiter der Unternehmen im FGK produzieren jährlich eine Milliarde Teile und erwirtschaften einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. In der Region schlagen sich auch die SMK Kunststoffveredelung Oberlungwitz und der Metalloberflächenveredler C+C Krug GmbH mit der Materie herum.

Warum die Kommission so viel Zeit für die Entscheidung benötigt? Eine Antwort auf eine Anfrage dazu steht aus. Tilke sagt, dass das mit Terminschwierigkeiten und der komplexen Materie zusammenhängen könnte. "Wenn man darüber nachdenkt", sagt er, "muss man sich über Europaskepsis nicht wundern."

Immerhin: Staatssekretär Wittke hat die Botschaft mit nach Halsbrücke gebracht, dass es im Herbst so weit sein soll. Und die Bundesregierung will dann umgehend die Brüsseler Vorgaben in nationales Recht umsetzen. Dafür macht sich auch die Freiberger Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann (CDU) stark, die den Besuch des Regierungsvertreters in Halsbrücke ermöglichte. Das macht Tilke Mut.

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1Kommentare
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    franzudo2013
    30.08.2018

    Soweit kommt es, wenn es keine klare Rechtsordnung mehr gibt. Jegliche lokale und nationale Entscheidung kann durch die EU blockiert werden. Wo soll das hinführen ? Die EU ist eine demokratisch nur unzulänglich legitimierte Instanz und eine undurchschaubare Bürokratie. Wer braucht und wer will das ? Oder sollte man besser fragen, wem nützt das ?



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