Auf zum Löwenritt, Frau Doktor!

Am 30. Oktober 1920 erhielt die TU Bergakademie Freiberg das Recht, einen Doktortitel zu verleihen. Pro Jahr promovieren hier etwa 100 Forschende - Corona macht es ihnen derzeit nicht leicht.

Freiberg.

Es war vor allem auch eine Image-Frage. Das Promotionsrecht war für Technische Hochschulen ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung mit Universitäten, erklären Professor Helmuth Albrecht und Dr. Norman Pohl vom Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie der TU Bergakademie. Schon im späten 19. Jahrhundert waren die Technischen Hochschulen nicht mehr nur Orte der Lehre, sondern auch der Forschung. Der technikbegeisterte Kaiser Wilhelm II.erkannte das an und verlieh 1899 der Technischen Hochschule Berlin das Recht, die Doktorwürde zu vergeben. Im Jahr darauf wurde der Titel des Dr.-Ing. auch im übrigen Kaiserreich eingeführt.

1905 wurden erstmals auch Studenten aus Freiberg Doktor der Ingenieurwissenschaften. Allerdings kam ihr Titel formal nicht von der Bergakademie, sondern aus Dresden. Erst mit dem selbstständigen Promotionsrecht 1920 konnte man die Forschung der Doktoranden mit Fug und Recht als Freiberger Arbeit bezeichnen und musste den Erfolg nicht mehr mit Dresden teilen. Außerdem durfte die Bergakademie nun auch Ehrendoktorwürden vergeben - ein guter Weg, um Förderer der Universität zu belohnen und namhafte Wissenschaftler an die Universität zu binden.

Mehr als 5300 Doktortitel wurden seit 1905 in Freiberg verliehen, aktuell streben 984 Promovierende den Titel an. Dazu gehört nicht nur das Verfassen der Doktorarbeit: für die Promotion muss die Arbeit verteidigt werden. Der Doktorand stellt seine Ergebnisse einer fünf- bis achtköpfigen Prüfungskommission und interessierten Zuhörern vor und muss ihnen Rede und Antwort stehen. Nach der bestandenen Prüfung wird mit allen gefeiert - eigentlich.

Aber wegen Corona ist das dieses Jahr leider anders, berichtet Horst Biermann. Als Professor der Werkstofftechnik betreut er seit 20 Jahren Doktoranden. Nun musste auch er sich umstellen. Im April, erzählt er, waren die Promotionen noch komplett online, alle Beteiligten saßen vor dem PC und sprachen in eine Kamera. Mittlerweile dürfen wenigstens Doktorand und Kommission wieder im gleichen Raum sein, nur das Publikum wird über einen Live-stream zugeschaltet. Damit sei die Prüfungssituation eigentlich wie früher und die Qualität der Promotion unverändert, sagt Professor Biermann. Auch die Forschung liefe trotz Hygienemaßnahmen ungestört.

Trotzdem glaubt er nicht daran, dass die Online-Promotion in Zukunft zum Regelfall werden wird. Denn der soziale Aspekt der Verteidigung gehe völlig verloren. Die oft lange gemeinsame Arbeit der Doktoranden und ihrer Betreuer finde online einfach nicht in gleicher Weise ihr glückliches und feierliches Ende.

Den Feierlichkeiten zum Jubiläum heute ergeht es ähnlich. Professor Albrechts Diskussionsrunde zur Geschichte des Promotionsrechts an Technischen Hochschulen und das "Freiberg Future Forum", bei dem Absolventen und Doktoranden über Möglichkeiten für eine CO2-neutrale Gesellschaft bis 2050 sprechen werden, finden wie geplant statt, nur eben online. Aber wie ihre Doktoranden muss die TU Bergakademie an ihrem großen Tag fürs Erste ohne einen Festakt mit ihren erfolgreich promovierten Absolventinnen und Absolventen auskommen.


Absolvent Paul Otto Rosin

Paul Otto Rosin (*1890) promovierte 1920 in Freiberg. Er entwickelte 1933 gemeinsam mit Erich Rammler und zwei weiteren Wissenschaftlern die RRSB-Verteilung. Diese Formel ermöglichte die sichere Verbrennung von Braunkohlestaub zur Energiegewinnung in Deutschland. Als Jude verlor Rosin unter den Nationalsozialisten seine Professur an der TH Berlin und emigrierte schließlich nach Großbritannien, wo er 1967 starb. (laca)


Absolvent Erich Rammler

Erich Rammler (*1901) promovierte 1927 in Freiberg. Danach arbeitete er lange für und mit Paul Rosin. 1949 kehrte er als Professor an die Bergakademie zurück. 1951 erhielten Rammler und sein Kollege Georg Bilkenroth den Nationalpreis für ihre Entwicklung einer Methode, Koks aus Braunkohle statt aus der in der DDR seltenen Steinkohle zu gewinnen. Professor Rammler lebte bis zu seinem Tod 1986 in Freiberg. (laca)


Ehrendoktor Klaus Töpfer

Klaus Töpfer (*1938) erhielt 2007 die Ehrendoktorwürde der TU Bergakademie Freiberg. Von 1987 bis 1994 war der CDU-Politiker Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, von 1998 bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Seitdem war er in verschiedenen Gremien und Vorständen aktiv, unter anderem für die Bundesregierung, die UN und die Welthungerhilfe. (laca)

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