Bäckerei Härtig gibt es seit 125 Jahren

Der Familienbetrieb hat gute und schwierige Zeiten gemeistert und bäckt das Roggenmischbrot noch heute so wie einst Großvater Paul Flade. Für die Zukunft haben die Familienmitglieder einen besonderen Wunsch.

Brand-Erbisdorf/St. Michaelis.

Wie soll es weitergehen? Im Großen wie im Kleinen? Vor dieser Frage stand Familie Härtig vor 30Jahren in der Zeit der politischen Wende. Bäckermeister Oliver Härtig fasste 1990 einen Entschluss, den er bis heute nicht bereut hat. Die Bäckerei in St. Michaelis, das drei Jahre später Stadtteil von Brand-Erbisdorf wurde, sollte als Familienunternehmen Bestand haben. Und zwar ohne eine Vergrößerung durch Filialen. Das sei, so resümiert Oliver Härtig heute, ein zusätzlicher Garant für die Qualität der hauseigenen Waren gewesen und bis heute geblieben.

Die Bäckerei an der Talstraße kann in diesen Tagen auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken. Von Anfang an, seit 1894 Oliver Härtigs Urgroßvater Bernhardt Flade das Geschäft eröffnete, befand sich der Betrieb in dem noch heute genutzten Gebäude. 1928 übernahm Sohn Paul gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth das Unternehmen. Ihm folgte 1959 Werner Härtig, der die Flade-Tochter Ingeborg geheiratet hatte. 1987 geht die Leitung in die Hände des heute 61-jährigen Oliver Härtig über, dessen Frau Conny zwei Jahre später dazukam. Und die fünfte Generation ist ebenfalls schon am Wirken. Denn Sohn Steve hat das Bäckerhandwerk ebenfalls erlernt, und wie schon sein Vater die Fähigkeiten eines Konditors im Café Hartmann in Freiberg. Vor wenigen Monaten stieg auch Steves Frau Nicole, eine gelernte Krankenschwester, in den Betrieb mit ein. Ob die fünf Jahre alte Tochter der beiden irgendwann ebenfalls diesen Weg gehen wird, kann man natürlich noch nicht sagen.


Schwierig waren die Zeiten schon immer in diesem Handwerk, welches zwar goldenen Boden hat, aber auch immer wieder Herausforderungen meistern muss. Klagen will Oliver Härtig nicht, aber das macht ihn auch nicht blind für die Verhältnisse. "Wenn es so weiter geht wie jetzt, dann ist das Ende der kleinen Bäckereien nicht mehr weit", sagt er. "Das ist schon kein Konkurrenzkampf mehr, in dem wir uns mit den Supermärkten befinden." Womit er darauf anspielt, dass in den großen Ketten Brot und Brötchen deutlich niedrigere Preise haben als in den Traditionsbäckereien. Dass dabei oft Geschmack und die Qualität der Inhaltsstoffe auf der Strecke blieben, spiele im Bewusstsein vieler Käufer leider noch immer eine untergeordnete Rolle.

Bei Härtigs ist nach wie vor das Motto "Qualität mit Tradition". Das bedeutet nicht, dass nicht immer wieder Neues in den Regalen liegt, wie die mehrfarbigen Baguettes in Geschmacksrichtungen wie Rote Bete oder Sepia-Cranberry. Doch es sind Produkte wie das Roggenmischbrot, das noch so gebacken wird wie von Großvater Paul Flade: aus einem Natursauerteig ohne Zusätze, der über Nacht erst einmal reifen durfte. "Auch legen wir wieder Wert darauf, Urkornmehle zu benutzen", sagt Schwiegertochter Nicole Härtig. "Da sind viele wichtige Minerale drin." Bekömmlicher als andere Mehle seien sie außerdem. Auch für die Dresdner Eierschecke hat man das Rad nicht neu erfunden, sondern macht sie so, wie schon in den 1980er-Jahren. Frische Eier kommen zum Einsatz, grundsätzlich nichts Pasteurisiertes aus einem Tetra-Pack. Und der Stollen nach altem Familienrezept ist im Advent jedes Jahr ein Renner. Die Kundschaft, ohne die es die Feinbäckerei längst schon nicht mehr gäbe, weiß das zu schätzen.

Neben den vier Familienmitgliedern sind noch weitere vier Mitarbeiter beschäftigt, von denen drei mindestens zwei Jahrzehnte dabei sind, hier ihren Beruf auch erlernten. "Das spricht für ein gutes Klima untereinander", findet Oliver Härtig. "Mit den Leuten in der Backstube und im Verkauf steht und fällt alles, ohne sie geht nichts." Wie die Kunden halten auch die Angestellten der Bäckerei die Treue.

Beim Blick in die Zukunft sieht Oliver Härtig noch viel zu tun. Ihn ärgert, dass heutzutage 25 bis 30 Prozent dessen, was man an Lebensmitteln produziert, weggeworfen wird. "Das kann nicht der Weg sein", sagt er. Bewusster mit Lebensmitteln umzugehen, das wünscht er sich generell. Ebenso, dass die Neugier auf Geschmack zurück kommt, womit sich womöglich auch wieder ein neues Verständnis dafür entwickelt, dass gute Qualität zwar ihren Preis hat, aber eben durch nichts aufzuwiegen ist.

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