Bauernaufstand: Protest reißt nicht ab

Die bundesweite Aktion ist zwar Geschichte, aber der Ärger bei den Landwirten noch längst nicht verflogen. Steuert die Politik nicht um, wollen sie weiter kämpfen.

Großschirma/Freiberg.

Die Bundesregierung will mehr Natur- und Tierschutz. Doch die verschärften Regeln treiben die Landwirte auf die Barrikaden. Auch einen Tag nach der bundesweiten Protestaktion ebbt die Kritik nicht ab. "Das war ein Ventil, um sich Luft zu machen", hebt Gunther Zschommler an. Vor allem der Nachwuchs hätte protestiert, schätzt der 56-jährige Landwirt aus Großschirma und Vizepräsident des Sächsischen Landesbauernverbandes ein. "Die jungen Leute sehen sich ihrer Zukunft beraubt."

Bei der zentralen Kundgebung in Bonn versammelten sich am Dienstag gut 6000 Teilnehmer. In Sachsen waren es mehrere hundert. Allein in Chemnitz kamen nach einer Sternfahrt 300 Landwirte mit 158 Traktoren zusammen. "Das Höfesterben wird weitergehen", ist Zschommler überzeugt. Zurzeit gibt es laut Statistischem Bundesamt gut 275.000 Betriebe - 2005 waren es fast 390.000. Die Ursachen laut Zschommler: Die Politiker aus Berlin würden die Landwirte mit immer neuen Vorschriften drangsalieren. "Die Verschärfung der Düngeverordnung wird dazu führen, dass die Viehbestände in Deutschland weiter abgebaut werden." Der 56-Jährige versorgt mit seinem Familienbetrieb rund 200 Milchkühe und fast ebensoviele Jungrinder und bewirtschaftet gut 200 Hektar Land. Falls die Politik nicht umsteuert, hält er weitere Proteste für wahrscheinlich.

Ähnlich schätzt Steffen Burkhardt-Medicke die Lage ein. "Die Landwirtschaft ist das Rückgrat der Gesellschaft", so der 54-jährige Landwirt aus Langenleuba-Oberhain. Was ihn ärgert: "Wir Landwirte werden als Tierquäler und Umweltverpester dargestellt." Das könne nicht sein. In den letzten zehn Jahren hat sich die Lage verschärft. "Es wird zunehmend schwerer, von der Landwirtschaft zu leben. Früher konnten wir anders wirtschaften." Rücklagen, um etwa schlechte Ernten abzufedern oder in neue Maschinen und Ställe investieren zu können, könnten keine mehr gebildet werden. Wie viele in seiner Branche klagt Burkhardt-Medicke, der Vorsitzender des Maschinen- und Betriebshilfsrings Rochlitz ist, über eine überbordende Bürokratie. Er spricht von einem Wulst an Papier und ständig neuen Verordnungen.

Davon kann Daniel Hausmann ebenfalls ein Lied singen. Es sei viel Bürokratie, sagt der 28-Jährige, der in Breitenborn bei Rochlitz einen Biohof mit 25 Hektar bewirtschaftet. Die Probleme in der Landwirtschaft seien aber hausgemacht. "Die Betriebe spezialisieren sich immer weiter, werden immer größer und bauen immer weniger Kulturen an." Als Folgen verweist er auf das Artensterben bei den Insekten und die hohen Nitratwerte im Wasser. Statt die Herausforderungen anzugehen, hätten es die Politiker in Berlin versäumt, frühzeitig zu handeln. Davon ist er überzeugt. "Die Politik hat das jahrelang ignoriert." Die EU-Kommission mahnt seit langem Deutschland an, die Belastung des Grundwassers mit Düngemitteln zu verringern. "Das Gesetz klingt gut, praktisch ist es schwierig umzusetzen." Starre Fristen und Zahlen mit der Natur in Einklang zu bringen, gehe nicht. So könnte bei mildem Herbstwetter durchaus gedüngt werden. Auch wenn Hausmann die Entwicklung in seiner Branche kritisch sieht, sagt er: "Konventionelle Landwirte sind keine bösen Leute, die die Umwelt zerstören wollen." Die Ursache für die Probleme in der Landwirtschaft liege in der Nachfrage, an den Handelsketten und am Verbraucher.

Das sehen andere Landwirte genauso. "Der Handel fordert billige Preise. Der Verbraucher will günstig einkaufen, und wir Landwirte sollen hochwertig produzieren. Dazu sind wir gerne bereit, es muss aber bezahlt werden", betont Zschommler, der Landwirtschaftsbetriebe in einer Zwickmühle sieht.

Und Arndt Hötzel, Chef der Agrar-GmbH "Am Kunnerstein" in Augustusburg, sagt: "In Deutschland werden Lebensmittel verramscht." Ein Umdenken der Verbraucher hält Hötzel, dessen Betrieb rund 950 Hektar bewirtschaftet und sich um 250 Mutterkühe und deren Nachzucht kümmert, für nötig. Auch er warnt vor weiterem Höfesterben. "Ich habe Angst um die nächste Generation." Die Aktion am Dienstag sei "gut und richtig" gewesen. "Ich hoffe nur, dass das die Fronten zwischen Politik und Landwirtschaft nicht verhärtet." Was er sich wünscht: Miteinander reden und Lösungen finden. Einen Vorschlag hat Landwirt Burkhardt-Medicke schon: "Wir bräuchten einen Mindestpreis für Milch, Getreide und Fleisch." Da viele Betriebe mit dem Rücken zur Wand stünden, könne die Protestaktion nur ein Anfang sein.


Was Landwirte umtreibt

Eineinhalb Jahre rangen Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) um einen Kompromiss. Nun steht das Agrarpaket mit Glyphosat-Ausstieg, mehr Schutz für Insekten und mit einem neuen Tierwohl-Kennzeichen. So sollen etwa ab 2021 Herbizide und bestimmte Insektizide in Schutzgebieten verboten werden. Dazu kamen neue Auflagen, um das Grundwasser vor zu viel Nitrat durch Überdüngung zu schützen. Auch Direktzahlungen an die Betriebe sollen umgeschichtet werden, um Umweltmaßnahmen für Bauern attraktiver zu machen. Ein Prozess, in dem viele Landwirte sich ungehört fühlen.

Betroffene gründeten die Initiative "Land schafft Verbindung", die die Landwirtschaftspolitik als "praxisfern und zu bürokratisch" kritisiert und nun den Protest auf die Straße getragen hat. Was viele Bauern nach Aussagen von Gunther Zschommler, dem Vizechef des Landesbauernverbands, außerdem befürchten: Billige Agrarprodukte werden importiert, die mit weniger Auflagen als hierzulande produziert werden. (dpa/acr)

3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    2
    Goschi
    24.10.2019

    Die Bauern haben wegen der Bezahlung sicherlich recht. Aber es muss für die Käufer in dieser Billiglandregion ebenfalls bezahlbar sein. Das eine bedingt das andere.

  • 8
    3
    acjw
    24.10.2019

    Vielleicht schaffen es die Bauern, daß aus ihrem berechtigten Protest eine landesweite übergreifende Protestaktion entsteht, mehr Menschen aufwachen, und das Land wieder auf Normalkurs gebracht wird.
    Spanien, Italien, Frankreich zeigen uns Deutschen doch, was möglich ist.
    Aber solange die Bild-Zeitung pünktlich geliefert wird, das Bier billig, und der Fernsehempfang nicht gestört, bleibt der Deutsche anscheinend nur ein Lemming

  • 7
    3
    marcofischer89
    24.10.2019

    In der Landwirtschaft wird immer und überall gejammert. Fällt zu viel Regen, scheint die Sonne zu viel, darf nicht mehr hemmungslos Pflanzengift versprüht werden... egal was, immer ist der Statt, die Umwelt und alle anderen schuld.

    Das sie Landwirte aber einfach wahnsinnige Überkapazitäten aufgebaut haben und nicht jeder Rouladen für 3,99 das kg haben fragt sich keiner.

    Gut so wenn die Bestände sinken. Am besten wären doch eigentlich Agrargenossenschaften nach dem DDR Modell LPG oder? Da würde der Staat gleich für jede Misere zahlen ohne das so viel geningelt werden muss und Unweltschutz hat da auch keinen interessiert!



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