Besitzer Nr. 22

Das Bauernhaus in Weigmannsdorf gehört zu den ältesten Häusern in Mittelsachsen. Mit Akribie hat sein Besitzer lückenlos seine 21 Vorgänger in 400 Jahren ausfindig gemacht. Sogar Rilke taucht auf.

Schon von weitem leuchtet das rote, mächtige Ziegeldach. Es krönt ein imposantes Haus, gelegen inmitten von Feldern und Wiesen an einer schmalen Straße hoch über Weigmannsdorf. Hauptstraße nennt sie sich. Hauptstraße? So sieht sie nicht aus. Aber vielleicht war das damals anders. Damals - vor 400 Jahren.

Denn vor vier Jahrhunderten wurde dieses Haus gebaut. Exakt 1618, so zumindest steht es auf einer Tafel, die die Giebelseite ziert. Schwer zu glauben, wenn der Blick auf das Bauernhaus fällt. Die kleinen Fenster tragen rot-blauen Blumenschmuck, die Fassade strahlendes Weiß. Sie bildet einen schönen Kontrast zu der braunen Holzverkleidung des Obergeschosses. Eine Scheune, eine Wagenremise, alte Bäume, deren mächtige Kronen das Satteldach weit überragen. Wenn dieses Haus erzählen könnte über die vergangenen 400 Jahre, über seine Erbauer, seine Bewohner, die Zeit ... Was wären das für Geschichten!

Das Haus kann erzählen. Besser gesagt: sein derzeitiger Besitzer Sven-Gunnar Paul, der seit rund 20 Jahren jedes zuständige Archiv durchforstet, Kaufverträge studiert, Eintragungen in Kirchenbüchern entziffert, nach Informationen in Heimatliteratur sucht. Er hat es geschafft: Lückenlos kann er die Namen aller 21 Besitzer nennen, die vor ihm und seiner Familie in diesem Anwesen lebten. Es gehört zu den ältesten im Landkreis - die Region Mittelsachsen.

22 Besitzer bis heute und über jeden weiß Paul etwas zu berichten. Ein Hans Braun hat das Haus gebaut. Erbrichter in Großhartmannsdorf und Mitbesitzer eines Vorwerkes war er, ein begüterter Mann also. Und das wollte er mit seinem neuen Haus auch zeigen. Denn obwohl die kurfürstliche Holzordnung von 1560 Holzeinsparung beim Hausbau vorsah, hat er an die 300 Fichtenstämme verbauen lassen, zu einem aufwändigen Fachwerk mit Andreaskreuzen zusammengefügt. Ursprünglich war dies ein komplettes Holzhaus, das eine stattliche Länge von 34 Metern hatte. Alles befand sich unter einem Dach, einem Strohdach damals: Wohnbereich, Stallungen, Scheune, Remise. Erst 1872 wurde der untere Teil mit Feldsteinen untermauert. Es drohte wohl einzustürzen.

Mehr als 70 Kinder sind in diesem Haus aufgewachsen. Die Eigentümer des Hofes hatten die verschiedensten Berufe. Natürlich waren Bauern darunter, aber auch Tischler, Fleischhauer, Erbrichter, Schuhmacher, ein kurfürstlicher Steuereinnehmer, Adlige. Sogar ein Churfürstl. Sächs. General Schmelz Administ. Hüttenmeister in Muldenhütten namens Johann Samuel Mätzelt ist benannt. Wohl des fast unaussprechlichen Titels wegen hat der es Sven-Gunnar Paul besonders angetan. Jedoch lediglich von 1773 bis 1775 besaß dieser sein heutiges Gut. Und viel ist passiert in diesen vier Jahrhunderten, allein sechs Kriege haben das Haus und seine Bewohner durchstehen müssen.

Sven-Gunnar Paul hat unglaubliche Geschichten über die Bewohner ausgegraben, die für ihn überraschendste hat etwas mit dem Dichter Rilke zu tun. In einem Kaufvertrag des Hauses von 1660 werden der verstorbene Junker Christoph Rülke, Besitzer des Rittergutes Oberlangenau, und seine Frau Sophia genannt. Um diese Familie müssen sich Dramen abgespielt haben, zwei von drei Kindern starben, Streit mit dem Pfarrer, Tod des Ehemannes, der von feindlichen Soldaten erschossen wurde. Daraufhin zog Sophia Rülke mit ihrer Tochter in das Anwesen von Weigmannsdorf. Diese Familie, so Paul, sollen Vorfahren von Rainer Maria Rilke (1875 - 1926) gewesen sein. Der Schriftsteller muss vom Schicksal seines Ahnen Christoph Rülke von Langenau gehört haben, denn Episoden aus seinem Leben, auch die Verarbeitung seines schrecklichen Todes, sollen sich in der Erzählung "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", 1899 geschrieben, wiederfinden. "Eine irre Geschichte: Rilke und Weigmannsdorf. Als ich darauf stieß, war ich wie elektrisiert", gibt Paul zu.

Sogar als Rittergut ging das Haus einst in die Annalen ein. Wobei das eher eine Geschichte zum Schmunzeln ist, weil das kleine Erzgebirgsdorf ja nie ein Rittergut hatte. Aber so ein bisschen Hochstapelei war schon vor Jahrhunderten üblich. Als nämlich der Steuereinnehmer Johann Christoph Schlintzigk das Anwesen von Herrn von Bünau übernahm, der ein Ritter war, ließ Schlintzigk sich in Unterlagen nunmehr selbst als Rittergutsbesitzer eintragen. Was anderes als ein Rittergut hätte ihm ein Ritter denn verkaufen sollen?

Der Fundus an Lebensgeschichten aus diesem Haus scheint unerschöpflich, wenn Sven-Gunnar Paul ins Erzählen kommt. Aber was ist mit ihm, dem nunmehr 22. Besitzer des Hofes, der seit 1856 im Besitz seiner Familie ist? "Über mich gibt's nichts zu erzählen", ist er sich sicher. Aber haben das die anderen 21 nicht auch gedacht? Machen wir es kurz: Der Weigmannsdorfer (Jahrgang 1967) hat als Kleinkind im Haus der Großeltern mit seinen Eltern gewohnt, ehe es diese beruflich nach Oberhof ins Thüringische zog. Dort ist Paul aufgewachsen und erwachsen geworden, doch das Heimweh nach Weigmannsdorf und dem Erzgebirge ist geblieben. 1992 ist er zurückgekommen mit Frau und dem ersten der beiden Kinder. Von Anfang an war der Hof für ihn mehr als nur Wohnstätte. Er war der Sitz und das Erbe seiner Familie.

Wenn in vielleicht weiteren 100 Jahren vom 500. Geburtstag des Hauses berichtet werden sollte, wird es von Sven-Gunnar Paul heißen, dass er derjenige war, der es gehegt und gepflegt hat und der dafür sorgte, dass es bekannt wurde.

"Als wir darauf stießen, dass wir in einem sehr alten Haus wohnten, wollten wir es genau wissen." Paul ließ dendrochronologische Untersuchungen in der Denkmalschutzbehörde in Berlin machen. Holzuntersuchungen des Balkenwerkes sind das, womit man sehr genau das Fälldatum der Bäume und damit das Alter der Balken feststellen kann. 1618 steht als Jahreszahl für sein Haus fest. Als er und seine Frau Liane erkannten, dass sie in einem Denkmal wohnten, haben sie dies angenommen mit allen Konsequenzen. Das Haus sollte so bleiben dürfen, wie es ihm seine Vorfahren hinterlassen hatten. Die Wände leicht schief, die Balken durften sich biegen und ihre Risse behalten. Das Schöne am Haus sei für ihn und seine Frau das Ursprüngliche. "Wir haben hier weniger neu gemacht, sondern eher das Alte erhalten. Und das bisher auch ohne Fördermittel", sagt Besitzer Nummer 22.

Dass er alles richtig macht, bestätigt Christina Wagner von der Denkmalschutzbehörde Sachsen und zuständig für den Landkreis Mittelsachsen. "Pauls besitzen wirklich eines der ältesten Wohnhäuser in Mittelsachsen. Mit der Sanierung hat sich die Familie viel Mühe gemacht, ihr ist gelungen, in alten Gemäuern modern zu wohnen. Sven-Gunnar Paul nimmt den Denkmalschutz sehr ernst, weil er auch Gefühl für das Alte hat."

Durch dieses Engagement, das nicht nur zeit-, sondern auch ziemlich kostenintensiv ist, hat es das Wohnstallhaus Hauptstraße 5 in Weigmannsdorf, einem Ortsteil von Lichtenberg, auf die Kulturdenkmale-Liste von Sachsen geschafft. Als "Bauernhaus mit Scheune im Hakengrundriss, Wohnhaus Obergeschoss Fachwerk verbrettert, intakte Hofstruktur mit weitgehend originalen Gebäuden, baugeschichtlich und wirtschaftsgeschichtlich von Bedeutung" wird es geführt. Mehr noch: Auch die Wasserschöpfstelle, die zum Hof gehört, hat Paul unter Denkmalschutz stellen lassen. "Von volkskundlicher Bedeutung, in vergleichbarer Art kaum in Sachsen noch anzutreffen", heißt es in deren Beschreibung.

Wer hat in den Jahrhunderten, erst vor etwa 100 Jahren wurde eine Wasserleitung ins Haus gelegt, hier geschöpft? Wann wurde das sogenannte Wasserhaus angelegt? Schon kommt der Hobbyhistoriker wieder ins Fachsimpeln. Aber dafür bräuchte es eine zweite Seite ...

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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