Bilder von Schmerzen und Traditionen

Moussa Mbarek ist ein Angehöriger des Volks der Tuareg. Seit fast vier Jahren ist er in Deutschland und lebt hier ganz für die Kunst. Seine erste Ausstellung außerhalb Dresdens ist in Freiberg zu sehen.

Freiberg.

Früher waren die Tuareg vor allem Nomaden. In Algerien, Mali, Libyen, Burkina Faso und dem Niger leben sie noch heute. Nennt man den Namen dieses Berbervolkes, so verbindet man damit in Europa sofort dunkle, blitzende Augen, die einen aus einem ansonsten verhüllten Gesicht anfunkeln. Stolze, kriegerische Gestalten, die mit Waffen in den Händen auf Reittieren sitzen. Ganz weit hergeholt sind diese meist romantisch verbrämten Klischees auch wieder nicht. Doch die Nomadenzeit der Tuareg ist weitgehend vorbei, und die meisten von ihnen haben auch genug von dem in der Region allgegenwärtigen Krieg.

Einer von ihnen ist Moussa Mbarek. Den stolzen Krieger würde man ihm ohne Weiteres abnehmen. Groß gewachsen ist er, breitschultrig, und in seinen von den Lidern meist ein wenig zugedeckten Augen ist eine kleine Flamme erkennbar, die wohl im Herzen eines wahren Targi (so der Singular von Tuareg) nie verlöschen wird. Doch statt für das Schwert hat sich Moussa Mbarek für Pinsel, Linolbesteck und Druckpresse entschieden, nachdem er seine Heimat verlassen musste.


Aufgewachsen ist Mbarek in Ubari, einer Stadt im Südwesten Libyens, eine Gegend, die so heiß ist, dass einem die Hitzeperioden in Deutschland geradezu erholsam erscheinen. Dort gibt es nicht viel, außer Öl, welches entsprechend umkämpft ist. Die Tuareg sind in diesem vom Bürgerkrieg geschüttelten Land ein verfemtes Volk. Sie gelten als staatenlos, werden nirgends anerkannt. Moussa Mbarek musste nach der Schule zu einem Beruf kommen, wurde Automechaniker. "Aber eine richtige Ausbildung gibt es in Libyen nicht", erzählt der heute 34-Jährige. "Und außerdem war das nicht so meins." In Tripolis, der Landeshauptstadt, war er sieben Jahre lang als Lagerist tätig. Doch änderte sich sein Leben bald grundlegend.

Nach dem Ende der Regierung Muammar al-Gaddafis 2011 gerieten die Dinge in Libyen in chaotische Bewegung. Die Tuareg hatten aufseiten Gaddafis gekämpft und wurden nun vehement verfolgt. Auch Moussa Mbarek geriet ins Fadenkreuz, wurde sogar von den Milizen inhaftiert. Aus dem Kerker wieder freigekommen, stellte sich für ihn die Frage, wohin er sich wenden sollte. Zwei Möglichkeiten boten sich ihm: Der Weg zurück in den Süden oder die Flucht über das Meer nach Europa. In beiden Fällen war das Risiko groß, denn in Libyen erwartete ihn weitere Verfolgung und höchstwahrscheinlich der Tod, auf dem Mittelmeer drohte das Ende, wenn das Boot, auf dem er flüchtete, untergeht. Er wählte die zweite Variante. In Libyen zu bleiben, sagt er, hätte ein Sterben in Folter und Qualen bedeutet. "Der Tod im Meer, so dachte ich mir, ist vielleicht ein ruhigerer, friedlicherer", sagt Moussa Mbarek, und fast würde dieser schwere Satz leichthin wirken, wäre da nicht ein Zug um seinen Mund, der hart und schmerzvoll wirkt.

Vor fast vier Jahren endete seine Odyssee vorläufig. Er lebt heute in Dresden, und dass er sich als Künstler betätigt, bei der Kunstakademie im Bereich Theaterplastik Neues lernt, das war so selbst für ihn nicht zu erwarten. Gezeichnet habe er schon immer gern, berichtet er, und es gab auch Leute, die das gut fanden. Aber eine Berufung für sich entdeckte er darin noch nicht. 2017 jedoch begann er, ganz in der Kunst aufzugehen. Er lernte den Linolschnitt kennen, in dem er sich nun hauptsächlich ausdrückt. Nach Ausstellungen in Dresden ist er jetzt erstmals mit seinen Werken außerhalb der Landeshauptstadt zu erleben. Bis zum 3. Januar kann man Mbareks Arbeiten im Saal der Musikschule Freiberg anschauen.

In den schwarz-weißen Bildern sind es vor allem die Erlebnisse und Erfahrungen der Flucht, die Mbarek verarbeitet. Schmerzensvolle Gesichter sind zu sehen, in denen sich auch Unverständnis, Trauer, Hoffnungslosigkeit findet. Kontrastierend dazu sind die jüngeren Werke. Farbenfroh berichten sie von Traditionen und Leben der Tuareg, zeigen etwa Ausschnitte aus dem Sebiba, einem mehrtägigen Fest des Volkes, bei dem Musik und bunte Gewänder eine wichtige Rolle spielen.

Er würde gerne endlich ankommen, sagt Moussa Mbarek. Obwohl seit Jahren in Deutschland lebend, der Sprache mächtig, kommt er als Verfolgter nicht über den Duldungsstatus hinaus, muss ihn alle halbe Jahre erneuern lassen. Das Boden- und Heimatlose attackiert immer aufs Neue seinen Stolz. Doch kann dieser bei einem wahren Targi wohl niemals gebrochen werden.

Ausstellung Die Arbeiten von Moussa Mbarek sind bis zum 3. Januar 2020 zu den Öffnungszeiten der Musikschule in Freiberg, Brückenstraße 5, zu sehen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...