Chefarzt rät: Ängste offen ansprechen

Die Coronakrise ist nicht nur für Depressive eine Herausforderung. Deshalb hat die Klinik in Hochweitzschen eine Hotline eingerichtet.

Hochweitzschen.

Die Coronakrise sorgt derzeit für eine große Verunsicherung bis hin zu Existenzängsten. Gerade für Menschen, die an einer Depression leiden, stellt die aktuelle Situation eine besondere Herausforderung dar, schließlich nehmen sie Furcht und Angst ohnehin extrem wahr. Aber auch Menschen ohne psychische Vorerkrankung geraten häufig an ihre Belastungsgrenzen. Darauf weist Dr. Francisco Pedrosa Gil hin. Er ist der Chefarzt des Fachkrankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie Bethanien Hochweitzschen. Diese Klinik leistet die stationäre und teilstationäre psychiatrische Vollversorgung für ein Einzugsgebiet mit annähernd 230.000 Einwohnern, zu dem auch Mittelsachsen gehört.

Das Fachkrankenhaus hat sich laut Gil auf eine Zunahme von Anfragen eingestellt - auch wenn hier derzeit noch kein durch Corona-Ängste ausgelöster Zuwachs an Patienten zu verzeichnen sei. Neu ist eine telefonische Hotline. Unter der Nummer 03431 656123 können sich Ratsuchende täglich (außer am Wochenende und feiertags) von 10 bis 12 Uhr von einem Psychologen der Klinik kostenlos, anonym und unter Beachtung der ärztlichen Schweigepflicht beraten lassen.

Chefarzt Gil hat Empfehlungen für die jetzige Zeit zusammengestellt. Er betont: "An erster Stelle ist es von großer Bedeutung, angstbesetzte Themen wie Krankheit und Tod - ausgelöst jetzt auch durch die aktuelle Krise - offen anzusprechen." Dies sei eine Chance, sich bewusst mit diesen häufig tabuisierten Themen auseinanderzusetzen. Gil: "Das Wort Krisis stammt aus dem altgriechischen und kann sinngemäß auch Meinung, Beurteilung, Entscheidung bedeuten - es kann also durchaus auch einen positiven Aspekt darstellen." Wichtig sei die Unterscheidung zwischen rationalen Gründen wie finanziellen Rücklagen für den Krankheitsfall und irrationalen Ängsten. Letztere könnten in unbewussten, nicht kontrollierbaren Panikzuständen enden. "Rationales, vernünftiges Denken sollte nicht durch Angst oder irrationale Affekte überlagert werden", so der Mediziner. So helfe es, Ängste zu lindern, wenn beispielsweise auch Vorsorgemöglichkeiten offen geklärt werden. Das seien erste Schritte, um mit einer Gefahr umzugehen.

Im Alltag sollte Gil zufolge Wert auf einen an den Bio-Rhythmus angepassten Tagesablauf mit festen Zeiten für Aktivitäten und Entspannung gelegt werden: "Aus vielen Untersuchungen wissen wir, wie wichtig Bewegung auch für die psychische Gesundheit ist." Daher sollten Sport und Bewegung fester Bestandteil des Tagesprogramms sein. Auch das Einhalten eines festen Schlaf-Wach-Rhythmus zähle zur Prävention. Ein soziales Netzwerk aus Familie und Freunden sei hilfreich für die seelische Balance. Gil: "Dank Telefon, Videochats und Onlineforen können Kontakte in der Quarantäne gepflegt werden."

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