Coronawelle erfasst Freiberger Seniorenheime: Bis zu 45 Prozent der Bewohner betroffen

In allen drei Häusern der Seniorenheime Freiberg sind Covid-19-Fälle aufgetreten. Weil auch Mitarbeiter ausfallen, wird Hilfe von außen gebraucht. Ab Dienstag springen sogar vier Soldaten der Bundeswehr ein.

Freiberg.

Eine erhebliche Anzahl an Senioren und Mitarbeitern in den drei Häusern der Seniorenheime Freiberg ist mit dem Coronavirus infiziert und erkrankt. Alle drei Einrichtungen sind deshalb in Quarantäne. "Wir sind seit zirka drei Wochen im Krisenmodus", sagt Steffen Köcher, Geschäftsführer der Seniorenheime, einer gemeinsamen Einrichtung von Stadt und Diakonischem Werk Freiberg.

Rund 40 bis 45 Prozent der Bewohner und reichlich 20 Prozent der Mitarbeiter seien betroffen, so der Heim-Chef am frühen Montagabend. Seinen Angaben zufolge hatten die Seniorenheime Freiberg in den Monaten September bis November "spürbar weniger" Todesfälle als sonst zu verzeichnen. Dies führt Köcher auch auf die verschärften Hygieneregeln zurück. Umso stärker treffe es die Häuser jetzt, wo das Coronavirus angekommen ist. Das sei für die Betroffenen und Angehörigen schlimm, aber auch für die Heimmitarbeiter "eine enorme Herausforderung", so Köcher. Insgesamt 25 Bewohner in den drei Pflegeheimen seien bislang an beziehungsweise mit Corona verstorben.

Das Pflegepersonal in den Häusern "Johanna Rau" (148 Bewohner), "Elisabeth" (144 Bewohner) und "Johannishof" (101 Bewohner) sei kräftemäßig am Limit. "Die Mitarbeiter kommen nicht zum Luftholen. Vielen Pflegekräften geht es emotional nicht gut, für sie ist es eine große Härte", sagt Köcher.

Auf Anfrage von "Freie Presse" bestätigt er, dass einzelne infizierte, aber symptomfreie Beschäftigte in einer "Arbeitsquarantäne" sind und mithelfen. Männer und Frauen aus dem Betreuungsbereich stemmen jetzt die Pflege mit. Steffen Köcher holt tief Luft und fügt hinzu: "Wir sind froh, dass Leute von außen kommen und uns unterstützen wollen."

Das mittelsächsische Landratsamt sucht in einem Aufruf nach Hilfswilligen im Pflegebereich. Köcher zufolge haben sich daraufhin schon einige Interessierte gemeldet, darunter beispielsweise auch Kulturschaffende. Andere Freiberger Unternehmen, die in Kurzarbeit sind, fragen ihre Mitarbeiter, ob sie zur Hilfe im Heim bereit wären. "Bei uns haben sich sogar ältere Schüler gemeldet, die uns unterstützen wollen", so Köcher. Das werde geprüft, wobei auch die Eltern einbezogen werden müssten. Hinzu kommen ab Dienstag vier Soldaten der Bundeswehr, die das Team im "Johannishof" verstärken werden.

Die erste Coronawelle im vergangenen Frühjahr hatte die Seniorenheime Freiberg verschont. "Dass es jetzt mit so einer Wucht zuschlägt, ist für uns alle schlimm", so der Heim-Geschäftsführer. Steffen Köcher arbeitet seit 1985 in der Pflege. "Aber eine vergleichbare Situation habe ich noch nie erlebt", sagt der Freiberger.

Für ihn steht fest: "Die Politik hat im Hinblick auf die Pflege und den Schutz der alten und pflegebedürftigen Senioren in den vergangenen Monaten komplett versagt." Man habe die Zeit ungenutzt verstreichen lassen, um rechtzeitig für eine vernünftige materielle und personelle Ausstattung zu sorgen, mobile Testteams an den Start zu bringen, die marktwirtschaftlich limitierten Testkapazitäten aufzustocken. Köcher: "Es reicht eben nicht, immer wieder Milliarden Euro der Steuerzahler in die Mitte zu werfen und so zu tun, als hätte man was getan. Am Ende werden die, die es richten sollen, damit allein gelassen lassen. Und die handelnden Personen, die ohnehin schon am Limit laufen, werden zusätzlich unter weiteren sachlichen und moralischen Druck gebracht." Seit Jahren weist Köcher auf einen drohenden Pflegenotstand hin, fordert beispielsweise "die längst überfällige Reform der Pflegeversicherung".

Köcher betont: "Bei unseren Einlasskontrollen der Besucher haben wir strikt auf Hygiene geachtet, die Zutritte gesteuert und dokumentiert." Dafür sei extra Personal abgestellt worden.

Derzeit dürfen Besucher nur noch in dringenden Einzelfällen in die drei Häuser der Seniorenheime Freiberg. Ein Grund: Die neuen behördlichen Regelungen schreiben vor, nur noch Besucher mit negativem Coronatest zuzulassen. Dazu Geschäftsführer Köcher. "Zusätzlich zu Tests bei Bewohnern und Mitarbeitenden noch das Testen aller Besucher zu bewerkstelligen, ist aber kaum möglich." Viele Angehörige seien sehr verständig; Angehörige, die intervenieren, hätten plausible Argumente.

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