Covid-19 bringt eine MZ zum Rollen

Mut fassen 2020: Vom Rohr- und Kaltwalzwerk Karl-Marx-Stadt geht es über den Chemnitzer Kaßberg zur Baumwollspinnerei Hohenfichte. Nach einer Geburtstagsfeier in Augustusburg erreicht die Zschopauerin mitten in der Coronakrise das Ziel auf dem Erzgebirgsring.

Grünberg.

Die Geschichte begann schon weit, weit vor Corona. Anfang der 1980er-Jahre im Rohr- und Kaltwalzwerk Karl-Marx-Stadt, als ein Elektriker sein Hobby mit zur Arbeit nahm - ein Motorrad, eine MZ TS 250/1. Während in dem Volkseigenen Betrieb biegsame Rohre entstanden, bastelte der Rohr- und Kaltwalzwerker in jeder freien Minute an seiner geliebten Zschopauerin herum.

Anregungen erhielt er von hinter dem Eisernen Vorhang. Dort sorgte damals eine Honda CB 250 RS für breites Grinsen unter den Helmen. Genau so schnittig sollte auch seine MZ aussehen. Die aus Kunstharz fachmännisch nachgebauten Teile - Kotflügel, Tank, Seiten- und Heckverkleidung - taten das auch. Ein Kühler aus einem ausrangierten Kühlschrank verhinderte, dass der Zweitakter den Hitzetod stirbt, und ein hydraulischer Stangentürschließer, dass der Lenker flattert.

Dafür flatterte eine Nachricht ins Haus: Der Ausreiseantrag des Erbauers des wassergekühlten Feuerstuhls in die Bundesrepublik war genehmigt worden. Die rot lackierte Schönheit ließ er in der DDR zurück, wo sie bis Ende der 1980er im Fritz-Heckert-Gebiet für Aufsehen sorgte und nach der Wende in einem Hinterhof auf dem Kaßberg in Vergessenheit geriet. In den späten Nachwendewirren sollte der von der langen Standzeit schon etwas gezeichneten Maschine dann sogar der Garaus gemacht werden.

Mitte der 1990er-Jahre landete der einmalige Umbau in Augustusburg, wo er zunächst ein Kellerdasein fristete. Doch schon bald fand er als Leihgabe in der Fahrzeugsammlung in der ehemaligen Baumwollspinnerei in Hohenfichte ein tolles Zuhause - bis 2017, als bei einem Doppel-Geburtstag beide Jubilare zum "40." Gutscheine für die Kartrennbahn auf dem Erzgebirgsring in Lichtenberg geschenkt bekamen. "Wenn wir schon einmal dort sind, können wir auch gleich unsere Mopeds mitnehmen", war sich die feucht-fröhliche Runde aus Simson-Fahrern schnell einig. Dem Antrag, das Reglement so zu ändern, dass alle aus dem VEB Ifa Kombinat stammenden Zweiradfahrzeuge - also aus Suhl und aus Zschopau - bei dem Rennen mitmischen dürfen, wurde prompt stattgegeben.

Damit war der Startschuss gefallen. Die MZ musste wiederbelebt und für die Rückkehr auf die Straße hergerichtet werden. Zerlegt war sie schnell, doch für den Wiederaufbau fand sich einfach keine Zeit. Nicht wie geplant im Winter, und schon gar nicht im Sommer. Den Jungs ging es beim Aufrüsten ihren "Simmen" ähnlich. Auch für 2020 sah es zunächst nicht gut aus. Doch dann kam die Pandemie. Mit dem am 27. März in Kraft getretenen "Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" taten sich unerwartete Zeitfenster auf: Feierabende, Wochenenden und Urlaub wurden zu Hause verbracht, dazu Kurzarbeit. Das Corona-Projekt begann.

In den Garagen in der Nachbarschaft wurden Sonderschichten geschoben - auch für "Konkurrenten". Der Kühler der MZ war nach all den Jahren löchriger als die Berliner Mauer im Dezember 1989. Allein den Schweißkünsten eines Nachbarn ist es zu verdanken, dass die Betriebstemperatur von Kolben und Zylinder gehalten werden kann, ohne ständig Wasser nachzufüllen.

Am Tag nach Himmelfahrt war es endlich soweit - Neustart 2020: Frisch geschmiert, neu eingespeicht und besohlt sowie optisch etwas auf den aktuellen Trend gebracht war es für die über 40 Jahre alte "Emme" nach drei Jahrzehnten Stillstand fast wie eine Jungfernfahrt. Im Kräftemessen mit den Renn-"Simmen" schlug sie sich tapfer. Covid-19 hat ihr wieder auf die Beine geholfen. Nächste Woche geht es erneut auf den Erzgebirgsring.

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