Damit die kranke Seele nicht ansteckt

Erkrankungen der Psyche sind die Ursache für etwa jeden zehnten Tag Arbeitsunfähigkeit im Landkreis. Doch nicht nur der Beruf leidet, sondern auch die Familie. Immer mehr Angehörige suchen Hilfe.

Freiberg.

Hilde* ist 72, zweifache Mutter, eine kleine, willensstarke Frau. Liebevoll spricht die Freibergerin von ihrem Sohn: Als Mathematiker arbeitete er an einer Uni, war verlobt, verdiente gut, lebte gut.

Dann, vor etwa 15 Jahren, erzählt sie, brach alles zusammen. "Er ging nicht mehr ans Telefon, hat sich abgeschottet. Er wollte mit niemandem mehr etwas zu tun haben." Er gab alles auf, zog zurück nach Freiberg. Angstzustände, der permanente Zwang, sich zu waschen und das Gefühl, immer beobachtet zu werden, belasteten ihn. Er wurde krankgeschrieben. Seither bekomme er starke Medikamente, die ihn ruhig machen: "Ihn so zu sehen - da hat's mir das Herz umgedreht."

Die Mutter nahm Kontakt auf zur Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch kranker Menschen, ein offenes Angebot der Diakonie in Freiberg. Seit 20 Jahren gibt es die Gruppe, seit 15 Jahren treffen sich Hilde und ihr Mann mit anderen Eltern, Ehe- und Lebenspartnern, die ebenfalls einen psychisch kranken Angehörigen haben. Sie kommen mit Angst, Schuldgefühlen, Ratlosigkeit, fühlen sich überfordert oder einsam. In der Gruppe erleben sie, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, sondern sich mit anderen austauschen können.

Hilfe im Sinne eines Patentrezeptes bietet die Selbsthilfegruppe aber nicht. Zur Zeit nutzen etwa 14 Familien das Angebot. "Wir treffen uns jeden vierten Montag im Monat, manchmal machen wir einen Ausflug oder hören Fachvorträge", erläutert Mandy Kurz. Sie hat selbst ein psychisch krankes Familienmitglied, leitet die Gruppe und hofft, dass sich künftig noch mehr Teilnehmer finden. Fachlich berät die Angehörigen Ortrun Elze. "Durch die regelmäßigen Treffen sind über Jahre enge Verbindungen entstanden. Die Angehörigen stehen sich helfend zur Seite", sagt die Sozialpädagogin, die in der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle der Diakonie arbeitet.

Doch den ersten Schritt zu tun, zu offenbaren, dass es ein Problem gibt, ist für viele nicht leicht. "Wenn man merkt, es stimmt was nicht, der Gang zum Arzt aber eine große Hürde ist, sind wir Anlaufpunkt sowohl für Betroffene als auch Angehörige", erläutert Psychologin Susanne Hunger. "Seit zwei, drei Jahren melden sich deutlich mehr Angehörige bei uns." Dabei gehe es beim Erstgespräch nicht nur um Sachinformationen, sondern auch darum, erst einmal die Betroffenheit aufzufangen.

Jüngst war die Selbsthilfegruppe im Stadtwald spazieren. "Das bringt uns mal auf andere Gedanken", sagt Hilde. Ihr Sohn ist heute 50, bekommt EU-Rente. Er lebt in einer eigenen Wohnung, versorgt sich selbst, macht den Haushalt. Doch wenn er die eigenen vier Wände verlässt, ist er unsicher. Am liebsten würde er alles gemeinsam mit seiner Mutter machen. Täglich telefonieren sie oder sie sehen sich. Hilde gibt ihm Struktur im Alltag. "Er ist intelligent, sehr sensibel und feinfühlig. Ich denke, eine Arbeit würde ihm gut tun, aber wir haben nichts passendes gefunden. Und jetzt fehlt uns auch die Kraft dafür."

An Besserung oder Heilung glaubt Hilde nicht: "Wenn er vor zehn Jahren andere fachkompetente Ärzte gehabt hätte, jemand, der sich traut, die Medikamentendosis mal runterzusetzen, dann hätte sich vielleicht was gewandelt." Doch die Lage in Freiberg ist sehr angespannt; es mangelt an Psychiatern. Seit 15 Jahren ist Hildes Sohn in therapeutischer Behandlung. "Manchmal bin ich traurig. Aber es gibt schlechtere Fälle", sagt Hilde. Sie ist froh, dass er soweit klarkommt. Wenn er sie anstrahlt, weil er sich selbst einen Friseurtermin besorgt hat, freut sie sich ungemein. Doch die Eltern fragen sich auch, was mit ihrem Sohn werden wird, wenn sie älter werden. "Vielleicht betreutes Wohnen? Aber jetzt noch nicht", sagt sie. Sie spreche offen mit ihrem Sohn, über alles. Auch darüber, dass sie mit ihrem Mann die Gruppe besucht, dass sie anonym die Geschichte erzählt und, dass die beiden auch mal was ohne ihn unternehmen wollen.

* Name geändert


Psychisch krank: So kann geholfen werden

Die AOK konstatiert in ihrem Gesundheitsbericht 2017 in Mittelsachsen im Schnitt mehr als 2,5 Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr und Versichertem wegen Erkrankungen der Psyche - das ist Rang vier der häufigsten Krankschreibungen.

379 Personen haben 2017 bei der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle der Diakonie in Freiberg Hilfe gesucht. Die Beratung ist kostenfrei und unabhängig von religiöser Zugehörigkeit. 25 Angehörige haben sich 2017 zum ersten Mal an die Stelle gewandt, insgesamt nutzen 41 Familien die Angebote für Angehörige.

Das Beratungsteam informiert über Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten und bietet Betroffenen, Angehörigen oder Paaren Einzelberatungen und stabilisierende Gespräche an - bis eine ambulante oder stationäre medizinische und therapeutische Versorgung möglich ist. "Wir versuchen, lange Wartezeiten zu vermeiden, sodass der erste Termin innerhalb von ein bis zwei Wochen stattfinden kann", erklärt Ortrun Elze.Den Tagestreff "Blitzableiter", Wernerplatz 3, können Betroffene ohne Anmeldung besuchen.

Am 24. September, 18 Uhr trifft sich die Selbsthilfegruppe für Angehörige wieder im Tagestreff "Blitzableiter". Psychologin Susanne Hunger spricht dort über unterschiedliche Ansätze in der ambulanten Psychotherapie. Interessierte sind willkommen.

Kontakt zur Beratungsstelle sowie zur Selbsthilfegruppe per E-Mail bw-pk@diakonie-freiberg.de oder Telefon 03731 482 213. (cor/jan)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...