Das älteste Wohnhaus von Freiberg

Mitglieder des Altertumsvereins gehen sagenhaften Geschichten auf den Grund. Heute: Die Erzählung über das Gebäude an der Pfarrgasse 37.

Freiberg.

"Das erste Rathaus Freibergs stand auf der Pfarrgasse 37" - In der historischen Überlieferung und in der älteren Stadtgeschichtsschreibung spielte das Gebäude Pfarrgasse 37 schon immer eine besondere Rolle. Man sah darin das Rathaus der Sächsstadt und in dem daneben stehendem Haus (Pfarrgasse 35) die Fronfeste. Weiterhin galt es als Erbgericht von Christiansdorf und als Wachturm des Markgrafen zur Sicherung des Bergbaus. Damit werden als Bauzeit für dieses Haus die Jahre der Gründung von Christiansdorf zwischen 1156 und 1162 beziehungsweise der Anlegung der Bergleutesiedlung um 1170 vermutet.

Sicherlich besitzen bei diesen Nutzungszuschreibungen für das Haus seine Lage in unmittelbarer Nähe zur alten Jakobikirche und seine turmartige Erscheinung eine ausschlaggebende Bedeutung. Historische und bauarchäologische Forschungen zu und in diesem Bauwerk haben aber ergeben, dass es sich dabei zwar um ein hochmittelalterliches Steinhaus handelt, dieses aber bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur über zwei Geschosse verfügte. Das dritte und vierte Obergeschoss wurden erst zu dieser Zeit aufgesetzt. Auch die Baubefunde belegen diese zeitliche Einordnung. Während die unteren Geschosse aus über einem Meter starken Bruchsteinmauerwerk bestehen, wurden die oberen beiden Geschosse aus einem dünnen Ziegelmauerwerk errichtet. Im Inneren des Hauses hat sich im Erdgeschoss noch eine Holzdecke aus der Bauzeit erhalten. Die Jahresringuntersuchung von Holzproben der Deckenbalken ergab als Fällzeit der verwendeten Bäume spätestens die Mitte des 13. Jahrhunderts (kurz nach 1239). Das Steinhaus wurde also um 1250 als zweigeschossiges Gebäude errichtet.

Als Rathaus der Sächsstadt kann das Haus auch deshalb nicht gedient haben, weil sich der Freiberger Rat erst um 1225 konstituierte. Er war damit aber der mit Abstand der älteste in der Markgrafschaft Meißen. Grundlage dieser einzigartigen Entwicklung war wiederum der Bergbau und der damit verbundene wirtschaftliche Aufstieg der jungen Stadt. In Leipzig, dessen städtische Entwicklung bereits früher als in Freiberg eingesetzt hatte, vollzog sich die Ausprägung der Ratsverfassung erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Freiberg ist mit der frühen Ausprägung der Ratsverfassung mit Städten wie Erfurt, Magdeburg, Hamburg oder Freiburg im Breisgau vergleichbar.

Das Steinhaus Pfarrgasse 37 besitzt dennoch einen überdurchschnittlich hohen Wert für Freiberg. Es ist das älteste heute noch erhaltene und datierte steinerne Wohngebäude in der Bergstadt sowie eines der ältesten in Sachsen. Die sagenhaften Überlieferungen weisen genauso auf eine besondere Bedeutung hin. Vielleicht besaß der Bergmeister hier seinen Sitz, zumal es in der Nähe des wichtigsten Erzganges, des Hauptstollngang-Stehenden, steht, an dem um 1168 die ersten silberhaltigen Erze entdeckt wurden.

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