Das Bauernhaus mit der Flaschenpost

11,3 Millionen Euro stellte die EU für den Klosterbezirk Altzella zur Verfügung. Kommunen, Firmen, Vereine und Privatleute profitierten.  Umweltminister Thomas Schmidt hat sich in Halsbrücke zwei davon angesehen.

Halsbrücke.

Vermutlich stammt der Vierseithof der Familie Limbach im Halsbrücker Ortsteil Falkenberg aus dem 17. Jahrhundert. Ganz genau weiß man das nicht. Aufzeichnungen oder Einträge, die eine nachvollziehbare Chronologie erlauben, gibt es nicht. Zumindest, sagt Bernd Limbach, der hier gemeinsam mit seiner Frau Sabine in einem früheren Nebengebäude des Hofes lebt, habe man nichts dergleichen gefunden.

Aufgetaucht ist aber etwas ganz anderes. Und das hat Sabine Limbach dem Sächsischen Staatsminister Thomas Schmidt bei seinem gestrigen Besuch nicht vorenthalten. Doch dazu später. Der Politiker war gekommen, um sich von der Verwendung der Fördermittel aus dem europäischen Leader-Programm zur Entwicklung der ländlichen Räume vor Ort ein Bild zu machen. Die finanzielle Unterstützung erfolgt aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER) sowie aus sächsischen Landesmitteln. Der Vierseithof in Falkenberg ist eines von zahlreichen Projekten im Klosterbezirk Altzella, der insgesamt 11,3 Millionen Euro weiterreichen kann.

Zum Beispiel nach Falkenberg. Wo bislang nur ein Paar lebt, sollen bald drei Generationen zu finden sein, die gemeinsam die landwirtschaftliche Tradition auf dem Feld, das zum Hof gehört, am Leben erhalten werden. "Der Hof ist seit dem Jahr 1889 im Besitz der Familie Busch, der Vorfahren meiner Frau", erzählt Bernd Limbach. "Genau hundert Jahre später haben wir ihn übernommen." Schon vorher waren die Limbachs in das Nebengebäude gezogen, hatten es von 1980 an wohnlich ausgebaut. Im Hauptgebäude, errichtet 1810, lebten bis 2004 noch Sabine Limbachs Eltern, später dann, während ihres Studiums der Agrarwirtschaft, die ältere Tochter Katharina, die heute mit Nachnamen Friebe heißt. Knapp zehn Jahre stand das Haus dann leer. "Wir haben natürlich darüber nachgedacht, was nun aus dem Haus wird", so Bernd Limbach. Kurz stand auch im Raum, es abzureißen. Doch gab es schließlich eine bessere Idee.

Beide Töchter von Sabine und Bernd Limbach leben in Falkenberg, unter anderen Adressen zwar, doch nach wie vor in ihrem Heimatort. "Warum sollten wir weggehen?", fragt Katharina Friebe. "Hier ist es schön, hier waren und sind wir glücklich." So kam man auf den naheliegenden Gedanken, alle Generationen auf dem Familienhof zu versammeln. Das frühere Wohnhaus, in dem zu vergangenen Zeiten das Gesinde im Obergeschoss lebte, bekommt wieder seine alte Bestimmung. "Meine Frau und ich werden dort im Erdgeschoss wohnen", so Bernd Limbach. Tochter Katharina zieht mit ihrem Mann und den zwei Kindern darüber. Im jetzigen Elternhaus richtet sich die zweite Tochter ebenfalls mit Mann und zwei Kindern ein.

Bevor im Oktober eine Firma mit den eigentlichen Bauarbeiten begann, musste das alte Gemäuer zunächst einmal entkernt werden. Dabei kam etwas zum Vorschein, worauf Sabine Limbach schon gewartet hatte. "Im Jahr 1965 wurde ein in der Wand verbauter Schrank entfernt", erzählt Sabine Limbach, die damals gerade acht Jahre alt war. "Meine Schwester Sigrid hat seinerzeit eine Flaschenpost geschrieben, die wir dann in dem entstandenen Loch einmauern ließen." 52 Jahre später kam die Botschaft tatsächlich wieder ans Tageslicht, und Sabine Limbach trug den Inhalt des Briefes dem Staatsminister vor. 

"Uns geht es allen sehr gut", steht als erster Satz, gefolgt von "Wir müssen sehr viel arbeiten." Man sei Mitglied der LPG Rosenthal Typ I. Vermerkt sind ebenso die zu leistenden Abgaben von 50.000 Litern Milch, 55 Dezitonnen Schweinefleisch, 30 Dezitonnen Rindfleisch und 10.000 Eiern. "Die Arbeit ist hart und schwer", kann man lesen. "Wir müssen um 5 Uhr aufstehen und gehen 10 Uhr ins Bett." Zwar werden Fernseher, Wäscheschleuder und anderes als Besitztümer aufgezählt, doch habe man sehr, sehr viel zu tun.

Das Feld wird heute nur noch im Nebenerwerb bewirtschaftet. Doch soll das auch künftig geschehen und somit ländliches Leben in seiner Ursprünglichkeit erhalten bleiben.


Millionen für Leader-Projekte

Insgesamt stehen den sächsischen Leader-Gebieten im Zeitraum von 2014 bis 2020 rund 427 Millionen Euro zur Verfügung. Damit soll besonders die Entwicklung im ländlichen Raum vorangetrieben werden. Die Gebiete entscheiden selbst darüber, welche Projekte man umsetzt. Es gibt keine Vorgaben des Freistaates. 30 sächsische Regionen - im Raum Freiberg die Region "Silbernes Erzgebirge" und die Region "Klosterbezirk Altzella" - wurden entsprechend anerkannt.

Inzwischen sind insgesamt weit über 2000 Projekte bewilligt worden. Handlungsfelder sind dabei etwa ein demografisch gerechter Ortsumbau, die touristische Infrastruktur, Landschaft und Umwelt oder Mobilität. Auch werden öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen unterstützt.

Die Leader-Gebiete im Freistaat erhalten 40 Prozent der Mittel des sächsischen Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum (EPLR). Mit diesem hohen Anteil ist Sachsen europaweit an der Spitze. Mehrfach im Jahr wird zur Einreichung von Vorhaben öffentlich aufgerufen. Die Bewilligung der Förderung erfolgt durch die jeweiligen Landratsämter. (wjo)

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