Das bestbewachte Feld von Voigtsdorf

Für den Bau der Pipeline Eugal wurde nahe des Windparks Dörnthal ein Lagerplatz eingerichtet. Spaziergängern wird dort über Lautsprecher mit der Polizei gedroht. Das treibt sie auf die Palme.

Voigtsdorf.

Es war, erzählt der Voigtsdorfer Fotograf Detlev Müller, ein Erlebnis der anderen Art. Er ging mit dem Hund spazieren. Die Höhen um seinen Heimatort laden ein, den Blick auf die Weiten des Osterzgebirges zu genießen, auf Felder, Wiesen, Alleen. Müller nahm den Weg Richtung Dörnthal, bog in einen Feldweg ein. Dort ragen neuerdings seltsame Gebilde in die Höhe. Wie Masten mit dicken Bäuchen. Als er näher kam, erkannte er, worum es sich dabei handelt: Überwachungskameras, die sich mit Solarmodulen selbst mit Strom versorgen. Als Müller an den Anlagen vorbeilief, folgten die Kameras seinen Bewegungen. Unbehagen kam in ihm auf. Da hörte er ein Knacken. Eine Stimme forderte ihn über Lautsprecher auf, die Baustelle sofort zuverlassen. Als er mit einem Nachbarn zurückkam, wurde ihm gedroht, umgehend die Polizei zu verständigen.

Das fragliche Feld bei Voigtsdorf ist nur ein kleines Puzzle der riesigen Infrastruktur eines gigantischen Bauvorhabens. Der Ferngasnetzbetreiber Gascade will eine neue unterirdische Pipeline von der Ostsee bis Tschechien verlegen. Die Trasse namens Eugal erreicht den Landkreis Mittelsachsen nordöstlich von Freiberg und durchquert ihn dann in südlicher Richtung. Bei Deutschneudorf im Erzgebirgskreis geht es über die Grenze. Ursprünglich sollte der Bau im August starten, doch noch ist das Planfeststellungsverfahren nicht beendet. "Gegenwärtig wird das Ergebnis der Erörterung aufgearbeitet", so die Landesdirektion Chemnitz. Ein Termin für den Beschluss - also Baurecht - könne nicht genannt werden.

Gascade geht fest davon aus, dass es bald soweit ist. Auf Hochtouren wird der Bau vorbereitet. Längst steuern Lkw mit den 18 Meter langen Rohrelementen die Lagerplätze im Erzgebirge an. Bei Voigtsdorf warten Holzelemente, die zur Lagerung der Leitungsstücke dienen, auf ihren Einsatz. Bei diesen Aktivitäten ficht Gascade auch der Widerstand des Windparkbetreibers Dirk Unger aus Dörnthal nicht an. Der fürchtet, er dürfe den Park nicht ausbauen, wenn dadurch neben der vor Jahren erbauten Opal-Trasse eine weitere Pipeline verläuft. Eine Befürchtung, die Gascade nicht teilt: "Wir sind der Meinung, dass sich Windenergie und Leitungsbau nicht widersprechen." In einem dicht entwickelten Land wie Deutschland sei ein Mit- einander sogar geboten, sagt eine Gascade-Sprecherin. Nun muss sie auch den Fall Voigtsdorf kommentieren. Denn Fotograf Müller findet die Kameras gar nicht witzig. Er legte Beschwerde beim Landesbeauftragten für Datenschutz ein, wo der Fall nun geprüft wird. Und nicht allein bei Voigtsdorf wird überwacht, sondern an sämtlichen Rohrlagerplätzen, so die Gascade-Sprecherin. "Die Kameras sind so eingestellt, dass eine reine Baustellenüberwachung stattfindet und keine Umgebungsüberwachung", versichert sie.

Der Voigtsdorfer widerspricht. Er habe die Baustelle keineswegs betreten, sondern sei auf dem Weg geblieben. Die Überwachung auf die Baustelle zu begrenzen sei schon aus einem Grund nicht möglich. Müller: "Sie ist ja noch nicht einmal abgesperrt." Die Lautsprecherdurchsage nennt er "Gefährder-Ansprache".

Nun fragt er sich, wohin die Kamera die Bilder überträgt und was mit den Daten passiert. Laut Aufschrift auf den Anlagen betreibt die Firma Bau-Watch aus Ratingen am Rand des Ruhrgebiet die Anlagen. Es gibt aber auch andere Anbieter. Der Bedarf an Sicherheitstechnik für Baustellen ist groß. In Sachsen wurden 2017 mehr als 2100 Diebstähle auf Baustellen von der Kriminalstatistik erfasst. Also im Schnitt fünf bis sechs täglich. 2016 lag die Anzahl sogar noch etwas höher.

Bau-Watch ließ eine Anfrage der "Freien Presse" gestern unbeantwortet. Auf ihrer Internet-Seite wirbt die Firma mit mehr als 550 Verhaftungen pro Jahr dank ihrer Systeme. "Die Kameras geben in unserer firmeninternen 24-Stunden-Sicherheitszentrale Alarm, sobald Ungewöhnliches auf der Baustelle passiert", schreibt das Unternehmen. Die Software würde Personen und Autos erkennen und lediglich bei Alarm Material an die Zentrale senden. "Dort hat ausschließlich unser geschultes Sicherheitspersonal Zugriff." Bei einem Fehlalarm werde das Material gelöscht, sonst weiter geleitet - an einen Wachdienst beispielsweise, oder die Polizei.

Anhand dieser Beschreibung geht Müller davon aus, dass seine Daten gespeichert worden sind. Einen Alarm, so eine Sprecherin der Polizei Chemnitz, habe es derweil an einer der fraglichen Baustellen im Direktionsbereich aber noch nicht gegeben.

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