Das Böse bei uns

Die Euthanasie-Morde der Nationalsozialisten in Pirna-Sonnenstein wurden auch in Mittelsachsen unterstützt. Für Zwangssterilisationen gab es in Freiberg sogar ein eigenes Gericht. Ein Fachbeitrag klärt auf - und verlangt mehr Forschung zum Thema.

Freiberg.

Die Angehörigen bekamen einen Brief. Der Text war vorgefertigt, die Todesursache erfunden. Manchmal wurde noch eine Urne an die Familie geschickt. Das war alles, was von den Opfern der "Euthanasie" blieb.

Eine sechsstellige Zahl von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung wurde von den Nationalsozialisten ermordet, zum Beispiel in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Etwa 350.000 Menschen wurden zwangssterilisiert. Wie hiesige Funktionsträger die menschenverachtende "Erbgesundheitspolitik" unterstützten, hat der Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, Boris Böhm, erstmals anhand von Archivunterlagen untersucht.

Fest steht: Die Bevölkerung wusste von den Zwangssterilisationen. Sie seien ab 1933 Teil der Propaganda gewesen. "Die Vorstellung eines ,gesunden Volkskörpers' war Kern der nationalsozialistischen Ideologie", sagte Böhm im Gespräch mit der "Freien Presse" Die Freiberger Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Werner Hartenstein habe die Anweisungen stringent durchgesetzt. Unter anderem Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Leiter von Kinderheimen sowie Schuldirektoren mussten "Erbkranke" anzeigen, ab 1935 beim neu gegründeten Gesundheitsamt am Petriplatz 5.

Über die Sterilisationen entschied das Erbgesundheitsgericht. Es hatte seinen Sitz im heutigen Amtsgericht. Eine Verhandlung dauerte oft nur 15 Minuten. Zwischen 1934 und 1944 eröffnete das Gericht etwa 2500 bis 3000 Verfahren. Vier Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende leiteten es über die Jahre: Alfred Häbler, Kurt Hennig, Walter Mittag und Oskar Nötzold. Keiner dieser Juristen wurde später zur Rechenschaft gezogen.

Wer verurteilt war, musste sich operieren lassen, etwa im Stadt- und Bezirkskrankenhaus in der Unterhofstraße 2. Oft folgten Komplikationen und lebenslange psychische Belastungen. Historiker Böhm geht davon aus, dass in Sachsen etwa 25.000 Menschen Opfer der Zwangssterilisationen wurden. Erst mit Kriegsausbruch ging die Zahl zurück.

Doch dann, 1939, gründeten die Nazis die Organisation "T4". Sechs Tötungsanstalten entstanden, eine davon war die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein. Ärzte in psychiatrischen Krankenhäusern, Altersheimen und Einrichtungen der Behindertenpflege mussten Meldebögen ausfüllen - Bewohner, die nicht arbeitsfähig waren, wurden meist in eine sogenannte Zwischenanstalt gebracht, und dann auf den Sonnenstein. Dort wurden die Opfer mit Kohlenmonoxid vergast. Darunter waren auch neun Bewohner des Hospitals St. Bartholomäi am Hospitalweg in Freiberg, sowie 46 Bewohner des Carola-Versorghauses Hilbersdorf für pflegebedürftige und alte Menschen.

Zwischen Juni 1940 und August 1941 ermordeten die Nationalsozialisten "Erbkranke" mit Gas, nach kirchlichen Protesten stoppte Hitler das Programm. Bis dahin waren in Pirna-Sonnenstein 13.720 Menschen gestorben. 65 von ihnen waren in Freiberg geboren oder hatten ihren letzten frei gewählten Wohnsitz in der Stadt gehabt.

Und die Morde gingen weiter - jetzt mit überdosierten Medikamenten in ausgewählten "Heil- und Pflegeanstalten". Der "Kindereuthanasie" fielen mindestens 5000 Kinder und Jugendliche zum Opfer, einige davon aus Freiberg.

Autor Boris Böhm ist der Meinung, dass die Angehörigen zumindest eine diffuse Ahnung von den Morden hatten. Auch ein aufmerksamer Zeitungsleser habe sich wundern müssen, dass viele Menschen verschiedenen Alters fernab der Heimat plötzlich gestorben seien. Eine Untersuchung von Zeitungsarchiven in Freiberg könne mehr Klarheit über die Opfer und das Wissen der Bevölkerung bringen.

Geschichtsforscher Michael Düsing vom Verein "Freiberger Zeitzeugnis" würde das unterstützen: "Vielleicht wäre das ein Projekt für eine Schülerarbeit." Seines Wissens seien etwa 130 bis 140 Menschen aus dem Freiberger Raum Opfer der Euthanasie geworden. "Man könnte auch für sie Stolpersteine verlegen." Die ins Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine zeigen auf, in welchen Häusern Opfer des NS-Regimes wohnten. In Freiberg sind bisher auf Düsings Initiative 24 Steine verlegt worden.

Information: Der Beitrag "Die nationalsozialistische Erbgesundheitspolitik in Freiberg und ihre Folgen" von Boris Böhm ist erschienen in den Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 114 (2019), S. 233-282. Das Heft zum Preis von 14,90 Euro ist erhältlich im Buchhandel oder im Stadt- und Bergbaumuseum am Dom 1. Bestellung gegen Vorkasse: Telefon 03731 20250, E-Mail: kontakt@freiberger-altertumsverein.de


Einer von vielen: Oswald Berndt (1872-1941)

Ernst Heinrich Oswald Berndt war ein in Freiberg geborener Handarbeiter, Soldat in der sächsischen Armee und Vater von drei Kindern. Ab 1926 war er im Carola-Versorghaus in Hilbersdorf untergebracht, als Diagnose auf seiner Patientenkarteikarte steht "Schwachsinn". Er wurde entmündigt, seine Frau ließ sich scheiden. Seine Tochter Charlotte durfte ihren Beruf als Erzieherin und Familienhelferin nicht mehr ausüben. Zu ihrem Vater hielt sie noch in den 1930er-Jahren Kontakt und beschrieb ihn als "vollkommen klar bei Sinnen". 1941 wurde Berndt zunächst in die Landesanstalt Arnsdorf bei Dresden verlegt. Am 27. Februar 1941 wurde er in die Tötungsanstalt auf dem Sonnenstein deportiert und wahrscheinlich noch am selben Tag ermordet. Seine Urne ist auf dem Donatsfriedhof beigesetzt. (eva)


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