Das Geheimnis der Glasflitter

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Eine Freiberger Studentin hat eine einzigartige Sammlung untersucht, die mehr als 200 Jahre lang buchstäblich in der Schublade lag.

Freiberg/Waldenburg.

Warum hat die Leipziger Apothekerfamilie Linck Glasflitter gesammelt? Sieben Schachteln voll kleiner, dünner Glasscheiben in neun verschiedenen Farben, jeweils etwa eine Suppenkelle voll?

Mineralogen arbeiten manchmal wie Detektive. Nicht umsonst landet mindestens die Hälfte der Absolventen des Studiengangs der Bergakademie Freiberg in der Forschung oder Entwicklung, manchmal sogar bei der Kriminalpolizei. "Mineralogen beherrschen vielfältige Analysemethoden", erklärt Gerhard Heide, der Leiter des entsprechenden Instituts an der Technischen Universität.

Die Glasflitter aus der umfangreichen Sammlung, die der Leipziger Apotheker Heinrich Linck und seine Nachfahren zwischen 1670 und 1807 aufgebaut hatten, interessieren ihn schon länger. Glas ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. Deshalb wusste Heide von den Flittern, die noch unerforscht im Museum Waldenburg lagen, einem der besterhaltenen Naturalienkabinette aus dieser Zeit. Als er das Thema seiner Studentin Anne Rannefeld für ihre Bachelor-Arbeit vorschlug, war diese gleich fasziniert. Auch optisch habe das glänzende Material sie angesprochen, erzählt die 23-Jährige, die aus Köthen stammt: "Ich arbeite gern mit kleinen Feinheiten."

Anne Rannefeld reinigte die Flitter zunächst im Ultraschallbad. Mit dem Mikroskop entdeckte sie kleinste Blasen und Kristallisationen im Material. Dann wendete sie spektroskopische Methoden an - dabei werden Eigenschaften mit Hilfe von Laserstrahlung untersucht. Sie stellte fest, dass der Großteil der Proben entweder aus Kalknatronglas oder aus Bleisilikatglas bestand. Einen kleinen Teil des Materials durfte sie einschmelzen und konnte so auch geringste Mengen von Wismut nachweisen. Ein Hinweis darauf, dass die Flitter einst aus dem Erzgebirge kamen?

Uni-Professor Heide ist zurückhaltend: Es sei zwar wahrscheinlich, dass die Rohstoffe für die blaue Farbe aus dem Erzgebirge stammten, denn die blauen Flitter sind mit Kobalt gefärbt worden - und auf die Kobaltfarbenherstellung hatten erzgebirgische Werke ab dem 17. Jahrhundert das Weltmonopol. Aber: "Diese Farben wurden europaweit gehandelt."

Die reflektierenden Flitter nutzte man, um Kunstgegenstände, Staatskutschen oder Architekturelemente zu verzieren. Mineraloge Heide sagt, es könne Lehr- und Forschungsmaterial gewesen sein. "Apotheker haben auch Farbpigmente an Maler verkauft." Apotheker beherrschten das Wiegen und Ordnen von Materialien. Zudem seien sie meist wohlhabend gewesen. Und ab dem 18. Jahrhundert hätten reiche Bürger ihre Bildung mit umfangreichen Sammlungen zur Schau gestellt. Anne Rannefeld: "Man wollte die Welt in eine Schublade packen."

Fanny Stoye, Leiterin des Naturalienkabinetts in Waldenburg, sagt: "Obwohl die Sammlung eine Rarität ist, führte sie nicht zuletzt aus konservatorischen Gründen ein Schattendasein; staubgeschützt und hinter Holztüren verborgen. Eventuell wird man ja später auf die Arbeit von Anne Rannefeld als Anfang einer umfassenden Spezial-Forschung zurückblicken können."

Zunächst wird die junge Bachelor-Absolventin einen Vortrag vor Experten halten - in der Hoffnung, dass jemand ähnliche Fundstücke irgendwo gesehen hat. Professor Heide hofft dann auf ein größeres Forschungsprojekt. Anne Rannefeld ist inzwischen im Masterstudium Geowissenschaften, Vertiefungsrichtung Mineralogie angekommen. Einen konkreten Berufswunsch hat sie noch nicht: "Es gibt so vieles, was mich interessiert."


Schön, aber selten: Glasflitter als Schmuckelement in Dresden

Wer Glasflitter-Verzierungen sehen möchte, kann nach dem Lockdown das Dresdner Residenzschloss besuchen. In der Rüstkammer sind französische Radschlosspistolen mit eingearbeiteten Glasflittern ausgestellt.

Außerdem findet sich in den Räumen der Dauerausstellung "Neues Grünes Gewölbe" in einem Wandpfeiler eine Nische mit farbig gefasster Stuckdecke. Diese weist Glasflitterapplikationen auf. Der Raum war zugemauert und mehr als 250 Jahre unentdeckt. 2003 veröffentlichte die Restauratorin Cathleen Berger einen Beitrag in der Zeitschrift "Denkmalpflege in Sachsen". Sie vermutet, dass in dem als "Secret" bezeichneten Raum einst ein Nachtstuhl für die Notdurft stand. Besucher können die Nische durch eine Glastür bewundern.

Im Zwinger sind im Foyer des Mathematisch-Physikalischen Salons Putzstellen mit farbigem Glas verziert. Es sollte den Wänden dieses barocken "Grottensaals" einen geheimnisvoll glitzernden Anschein geben. (eva)

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