Das ist die Krönung

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Blau ist bei uns nur das Blut. Und gutes Benehmen ganz nach unserem Geschmack.

Wir Erzgebirger und Mittelsachsen sind hohen Besuch ja gewohnt. Neulich strampelte der Ministerpräsident über unsere schönen Hügel, und jeden Winter fallen aus allen Himmelsrichtungen die Weihnachtsmänner über uns her. Außerdem erscheinen vor Gericht immer wieder sogenannte Königreichsbürger, die glauben, sie könnten einfach machen, was sie wollen, wie einst König Drosselbart und Kaiser Amselschwanz.

Diese Woche gab es aber ein besonderes Ereignis: Blaues Blut in Neuhausen. Nicht etwa, weil es so kalt gewesen wäre, dass den Nussknackern das Blut in den Adern gefror. Sondern weil 15 Hoheiten sich dort einfanden, um ihren nächsten Urlaub zu planen. Unter anderem war die Kirschenprinzessin aus Witzenhausen angereist (kein Witz!), sowie der Bratwurstkönig aus Suhl. Bei der Königlichen Urlaubsmesse schauten die Hochwohlgeborenen, wo sie ihren nächsten Urlaub verbringen könnten. Das Erzgebirge steht wohl nicht auf ihrer Liste - hier haben sich im ersten Halbjahr 2018 weniger Besucher zur Ruhe gebettet als im Vorjahreszeitraum. Warum? Vielleicht waren die Touristen alle Prinzessinnen auf der Erbse. Sie kamen nicht damit klar, dass man, der Tradition des erzgebirgischen Neinerlaa folgend, bei uns weich gekochte Linsen unter der Matratze versteckt. Indes trägt mancher Kommunalpolitiker den Titel "Prinz/essin auf dem Stecknadelkopf", weil er auf Kritik noch empfindlicher reagiert als die Königstochter aus dem Märchen.

Zurück zum Treffen der gekrönten Häupter in Neuhausen: Gerüchten zufolge sollen neben Queen Elizabeth II. und dem Kaiser von China auch der Currywurst-Kaiser aus Hamburg sowie der Labskaus-Lord aus Buxtehude da gewesen sein, um die kulinarischen Spezialitäten ihrer Heimatregionen würdig zu vertreten. Die Queen allerdings war not amused, weil zu den Fleischgerichten keine Pfefferminzsoße mit Plumpudding serviert wurde. Den erzgebirgischen Buttermilchgetzen mit Schoko-Erdbeersoße wollte sie nicht als gleichwertigen Ersatz akzeptieren, ebenso wenig die Klitscher mit Kümmel und Gummibär-Gelee.

Bei solch royalen Veranstaltungen wird natürlich auf die Hof-Etikette geachtet. Wie auch beim Perfekten Dinner des Kurfürsten auf Schloss Augustusburg. Gutes Benehmen ist bei uns auch sonst weit verbreitet. Sogar unter Einbrechern. Einer von ihnen ließ sogar seinen Ausweis da, nachdem er in eine Freiberger Schule eingebrochen war. So hatte es die Polizei etwas leichter. Seitdem blicken die Dresdner Polizisten neidisch zu uns: In der Landeshauptstadt muss man sich ja zurzeit mit Fernsehreportern herumärgern, die tatsächlich eine Kamera dabeihatten und sie auch benutzten. Man stelle sich das mal vor!

Gutes Benehmen und edles Blut sind jedenfalls ganz nach unserem Geschmack. Deshalb werden auch wir Mittelsachsen künftig ein paar Hoheiten erhöhen, besser gesagt krönen. Die Wirtschaftsförderung hat dazu schon das Motto ausgegeben: "Ich schmeiß alles hin und werd Mittelprinzessin!" Eine Freiberger Bergstadtkönigin gibt's ja schon. Wer beim Karneval Club "FKK" Prinz wird, ist eigentlich egal. Er darf nur nicht allzu bekleidet sein. Der neue Look fürs royale Personal folgt dem Motto "weniger ist mehr"; so wie in der Modezeitschrift "Des Kaisers neue Kleider" beschrieben.

Aber wer ist bei uns eigentlich zum Hallodri-Herzog geboren? Oder zum Plattitüden-Prinzen? Oder aber zum Geschwätz-Grafen? Eine unabhängige Jury sucht bereits in den abendlichen Fernseh-Talkshows sowie im Lokalfernsehen nach geeigneten Kandidaten.

Demnächst sollen außerdem Miss-Wahlen in Mittelsachsen veranstaltet werden. Damit ist nicht gemeint, dass man sich bei der Wahl gründlich vertut, sodass die Zusammensetzung des Parlaments miss-rät. Sondern es sollen ein paar besonders schöne Frauen gewählt werden, die dann dusselig in die Kameras lächeln dürfen. Das muss ja schließlich auch jemand machen. Eine Mister-Wahl ist allerdings nicht geplant. Dafür fehlen geeignete Fachkräfte, die beides können: Gut aussehen und dämlich grinsen.

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